Das kommende Jahrzehnt

Das 198. Jahrzehnt ist der Zeitraum von 1. Januar 1970 bis zum 31. Dezember 197$. Dieses 198. Jahrzehnt wird auf das 197. Jahrzehnt nicht folgen, wie die Zahl 198 mit arithmetischer Notwendigkeit in der Reihe 194, 195, 196 auf die Zahl 197 folgt. Eine Voraussage darüber, wie sich ein geschichtlicher Zeitabschnitt abspielen wird, bedeutet nicht, ein Ereignis mit naturwissenschaftlicher Genauigkeit einordnen, abzählen, bestimmen zu können.

Vielmehr beinhaltet eine Voraussage gleichzeitig eine Aussage darüber, was kommen soll. Prognose heißt übersetzt: Vorher Wissen, Prognosen versuchen, mit wissenschaftlichen Methoden, die Zukunft „vorherzuwissen". DeSündenfall einer Zunft, die sich anderwärts als Futurologie oder Prognostik zu etablieren beginnt, besteht darin, das Element Wissen, das in dem Begriff Prognose steckt, einseitig nach den Prinzipien der neuzeitlichen Naturwissenschaf; zu interpretieren.

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Wenn Wissenschaft lediglich im strikten Sinn exakter Naturwissenschaften nach dem Muster Descartesscher res extensa und res cogitans verstanden wird, fällt die historische und politische Dimension durch den eindimensionalen Raster scheinbar naturgesetzlicher logischer Verknüpfungen. Dann wird Prognostik zu einer Scheinwissenschaft, die sich in erster Linie des Mittels der Extrapolation bedient: Aus vergangenen Trends wird die Zukunft nach dem Beispiel von Entwicklungen vorhergesagt, die auf geometrischen Kurven verlaufen. Diese Methode der Prognose ist für gesellschaftliche und politische Phänomene falsch und gefährlich.

Gefährrlich ist diese Methode einseitiger Extrapolation der Zukunft aus den Regelmäßigkeiter der Vergangenheit, weil sie auch einer „schlechten Vergangenheit" den kanonischen Segen dei Rechtmäßigkeit, der Gerechtigkeit geben kann. Gefährlich ist diese Methode, denn sie ist dei Anwalt des Status quo, oder richtiger: sie ist die Methode des ins Unendliche verlängerten Status quo, eines Status quo, bei dem notaben zwei Drittel der Menschheit unterernährt sind oder hungern.

Wie also soll eine Prognose wirklich verfahren? Eine Prognose muß die Bedingungen bedenken, unter denen sie entsteht, und sie muß die Folgen bedenken, die sie auslöst. Eine Prognose muß also zunächst den Prozeß, in dem sie zustande kommt, analysieren. Sie muß die Interessen durchsichtig werden lassen, die in jede Vorausschau dessen, was kommt und was kommen soll, mit eingehen.

Die Prognose „Der Vietnamkrieg geht in den nächsten zwei Jahren zu Ende" hat einen verschiedenen Stellenwert, je nachdem ob sie vom Generalsekretär der UN, vom Präsidenten des Phantom Lieferanten McDonnell Douglas oder vom südvietnamesischen Premier gemacht wird. Hinter der scheinbar gleichen Prognose verbergen sich verschiedene Interessen, die auf den Ablauf des Krieges selbst Einfluß haben. Erst die Analyse der Weise, wie und warum die Prognose entsteht, welche Ziel Vorstellungen, oft unbewußter Art, sie beinhaltet, welche Machtgruppe hinter ihr steht, weist ihr einen systematischen Stellenwert zu. Auch in diesem Buch stehen Prognosen, die scheinbar gleich lauten, die jedoch in Wirklichkeit etwas ganz Verschiedenes sagenErst wenn der Rückkopplungsprozeß zwischen Bedürfnisgenese, Bedürfnisprognose, Bedürfniserweckung und Bedürfniserfüllung, aufgefächert wird, besteht die Chance, den Wahrheitsgehalt einer Voraussage zu prüfen.

Der Naturwissenschaftler kann nach astronomischen Gesetzen das Erscheinen eines neuen Sterns für einen bestimmten Zeitpunkt prognostizieren. De Verrier konnte aus Bahnstörungen des Planeten Uranus den Ort des Planeten Neptun vorhersagen, den Galle dann 1846 entdeckte. Doch diese exakten Wissenschaftler gehen prinzipiell anders vor als Werbeleiter eines Waschmittels, die beschwörend marktanalytische Prognosen über den Verbrauch von noch weißerals weiß machenden Weißmachern in den siebziger Jahren verkündigen. Eine derartige Soziair prognose suggeriert den Wunsch nach Sauberkeit, sagt gleichzeitig ein Sauberkeitsbedürfnis voraus> weckt es durch diese Vorhersage erst, um es schließlich als scheinbar freien Käuferwillen auf dem Markt der freien Marktwirtschaft manipulativ zu befriedigen: der Zirkel ist geschlossen.

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