Schauspiel: Was München sich mit Sigi Sommer antat Das Schicksal war viel, viel zu tief
Die Münchner Abendzeitung verzeichnete am nächsten Morgen einen schönen Erfolg für „unsern" Blasius; die Buchausgabe im Kurt Desch Verlag findet im Klappentext, das Stück stehe, als echtes Volksstück, „in der Nachfolge der Bühnenwerke von Johann Nestroy und ödön von Horvath".
Beides ist richtig. Denn der Erfolg war so schön, daß in der Premiere der Münchner Kammerspiele an den traurigsten Stellen laut gelacht wurde und daß Siegfried Sommer am Ende kurz, einhellig und gründlich ausgebuht wurde: Ein schöner Erfolg also, und im Winter ist es wärmer als im Sommer, die D Mark wurde abgewertet, und die Preise fallen zur Zeit. Und wenn Siegfried Sommers „echtes Volksstück" in der Nachfolge Nestroys und Horvaths steht, dann darf man behaupten, daß Vico Torriani der Erbe Charlie Chaplins ist und daß die Liedtradition Schuberts in Heintjes Mama Zähren am besten vor dem Stimmbruch bewahrt ist.
Nur: Wie kommt ein solches Stück in die Münchner Kammerspiele? Antwort: Das kommt davon, wenn eine Stadt, Weltstadt mit Herz zumal, sich von einem Schreiber so sehr verstanden fühlt, daß sie sich mit seinen Seelenblähungen und seinen sprachstümmelnden Schnitzereien am bayrischen Holze restlos identifiziert „Uns Uwe" heißt auf Münchnerisch „unser Blasius, der Spaziergänger", denn da macht er sich in einer Kolumne Woche für Woche lustig über die moderne Kunst oder über die zu kurzen Röcke oder über die verrückten Studenten; ein Wortdrechsler, dessen Material der Radi ist. Die Münchner aber, die doch einstmals den Valentin oder die Karlstadt hatten, haben das nicht verdient, daß sie den Blasius so hoch schätzen.
So jedoch kam die „Marile Kosemund" in die Münchner Kammerspiele. Und der OB Vogel nickte wohlwollend und gratis und blanko, und der Everding wollts nicht verhindern. Beide erleichtern mir den nächsten Satz: „Marile Kosemund" ist nicht nur das weitaus mieseste Stück des zu Ende gehenden Jahrzehnts, es ist auch das schmierigste.
Die „Vorstadt Ballade", in der ein Münchner Mädel sinkt und sinkt und sinkt, wirkt einmal, als sei sie mit erigiertem Kugelschreiber verfaßt worden: Nie habe ich einen Autor erlebt, der zur moralisierenden Abschreckung Szenen von so ekelerregender Penetranz aufbaut, die ihm gleichzeitig das Wasser im Munde zusammenlaufen zu lassen scheint. Gleich in der ersten. Szene verlieren Marile und der Kitsch gemeinsam ihre Unschuld. Sie läßt sichs von einem älteren Handwerker machen, der dafür eine Schachtel Zigaretten nimmt. Ein paar Szenen weiter versucht es der Freund der Marile, der Zuschauer darf mit ansehen, wie er den Hosenlatz umsonst öffnet.
So nimmt das Schicksal, das personifiziert mit unglaublich blöden Sprüchen auftritt, seinen unaufhaltsamen Lauf. Marile entdeckt, daß ihre Mutter sie von ihrem Großvater hat — zu diesem Zweck liegt aus heiterem Himmel plötzlich auf der Küchenkredenz ein Gerichtsurteil und fällt dem bis dahin, sieht man von der mittels Rauchwaren erworbenen Defloration ab, unschuldigen Kind in die Hände. Die schlägt dieselben zusammen, sagt, da kann man nichts machen, da muß man sich ja einfach hinlegen, und gibt Siegfried Sommer Gelegenheit, Münchner Partybräuche, Huren in Morgenlokalen, Luden und Voyeure liebevoll und gehässig ausführlich zu beschreiben.
Dann hadert das Marile mit Gott: Warum läßt der so etwas zu? Warum, ja warum? Die Antwort, auf das Stück bezogen, müßte lauten, daß Gott, nachdem er dieses zur Aufführung an den Münchner Kammerspielen zugelassen hat, offenbar zur Zeit nur über eine mäßig besetzte Dramaturgie verfügt. Oder daß er München im Augenblick nicht leiden kann. Oder daß man sich besonders auf die Olympiade freuen soll. Was die Tragik anlangt, so fällt die Kosemund, die es mehr und mehr für Geld tut (auch, damit es ihre geliebten Katzen besser haben), einem Autounfall zum Opfer. So arbeitet das Schicksal heute: Wer hurt, dem sei dringend geraten, die Autobahn zu meiden. Besonders nach einem Sektfrühstück.
- Datum 12.12.1969 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.12.1969 Nr. 50
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