Demokratie oder Wiederaufbau

Alternativen der amerikanischen Besatzungspolitik Von Karl-Ernst Bungenstab

Vor acht Jahren erschien eine damals vielerörterte Fallstudie über die amerikanische Militärregierung in Marburg. Ihr Verfasser, John Gimbel, versucht nun in einem neuen Werk — die amerikanische Besatzungspolitik anders als bisher üblich zu bewerten.

Gimbel verwendete bisher unveröffentlichte und unbenutzte Akten aus dem Omgus (Office of dem World War II Records Center und aus dem des Länderrates, der Konferenz der Ministerpräsidenten, der Bi Zonen Organe und persönliche Nachlässe aus dem Hessischen Staatsarchiv. Sie gestatten ihm eine Einsicht in die Zusammenhänge, wie sie bisher Historikern der amerikanischen Besatzungspolitik verwehrt war. Seine neuen Thesen haben in der Tat vielfach die Geschichtsschreibung über die Besatzungszeit revidieren können.

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Bisher gab es folgende Interpretationen der amerikanischen Besatzungspolitik in Deutschland. Einmal hieß es, die Militärregierung habe mangels politischer Richtlinien aus Washington bis 1947 in einem politischen Vakuum operieren müssen. Dann hieß es, statt einer klaren Linie habe Amerika eine „policy of ambivalence" verfolgt. Oder: Man wollte eine „artificial revolution", die schon von Anspruch und Anlage her zum Scheitern verurteilt war. Oder: Die Besatzungspolitik sollte eine „Charakterwäsche" bewirken. Gimbel verwirft diese Thesen. Nach Untersuchung der politischen und administrativen Praxis der Militärregierung kommt er zu dem Resultat, daß die amerikanische Deutschlandpolitik nach 1945 von einem zwar breiten, aber klar faßbaren Fächer von Interessen bestimmt wurde.

Einige dieser Interessen waren nur zeitweilig wichtig, andere sind nach Gimbels Meinung mit ausreichender Beharrlichkeit verfolgt worden und haben der Besatzungspolitik grundlegende Einheitlichkeit und Kontinuität gegeben. Freilich wird, so meint der Autordie Prioritätsliste nicht von der in Proklamationen und Direktiven immer wieder als Hauptziel herausgestellten „Demokratisierung" angeführt. Vielmehr haben Gesichtspunkte, die sich überhaupt nicht öder erst sehr spät in Direktiven niedergeschlagen haben, wie etwa der wirtschaftliche Wiederaufstieg Deutschlands und Europas, die Leitlinie bestimmt. Es ging also darum, den amerikanischen Steuerzahler von den Lasten der Besatzung und der Lebensmittelhilfe für die Bevölkerung Europas zu erleichtern.

Die harten wirtschaftlichen Bestimmungen der Direktive JCS 1067 vom April 1945 waren nach Meinung General Clays unbrauchbar und wurden erst durch das Potsdamer Abkommen abgemildert. Gimbel weist überzeugend nach, daß Clay und seine Berater sich hauptsächlich darum kümmerten, die wirtschaftlichen Probleme Deutschlands, das heißt der amerikanischen und später der Bi Zone, zu lösen, um den ungeheuren amerikanischen Finanz- und Nahrungsmittelzuschüsse zu reduzieren. Der CalvinHoover Report vom 18. September 1945 und der noch wichtigere ByronPrioe Report für Präsident Truman vom 9. November 1945, beide erstmalig von Gimbel in ihrer vollen Bedeutung erkannt, markieren den Wendepunkt, der im September 1946 in der Stuttgarter Rede von Außenminister Byrnes sichtbar werden sollte.

In den Diskussionen, die bei Omgus im Herbst 1945 um Kalorien, Lebensstandard und Produktionsvolumen in Deutschland, einsetzten, glaubt Gimbel sogar frühe Ausprägungen von Grundzügen des späteren Marshall Planes entdecken zu können. Beachtenswert ist Gimbels These von der Bi Zone als einem wirtschaftlichen. Magneten. Untrennbar damit verbunden sind die neuen Aspekte, die Gimbel über die französische Nachkriegspolitik mitteilt. Als offenbar wurde, daß zunächst infolge französischer und später auch russischer Obstruktion eine einheitliche deutsche Verwaltung für alle vier Zonen auf der Basis des Potsdamer Abkommens nicht zu erreichen war, kam auf Initiative der amerikanischen Militärregierung die Bi Zone zustande. Wirtschaftliche Erfolge, so hoffte man, sollten die anderen beiden Zonen magnetisch anziehen. Clay wollte Frankreich zur Zusammenarbeit zwingen, ein Ziel, das schon bei dem taktischen Manöver des Demontagestopps vom 3. Mai 1946 erkennbar geworden war.

Zur Diskussion reizt die von Gimbel herausgearbeitete Alternative Demokratisierung oder wirtschaftlicher Wiederaufbau. Proklamationen und Direktiven zur Demokratisierung und Umerziehung hatten nicht sehr viel mit der auf Wiederbelebung der Wirtschaft ausgerichteten politischen Praxis der Militärregierung zu tun. Politische und wirtschaftliche Maßnahmen eilten der Demokratisierung voraus. Die Entnazifizierung wurde aus wirtschaftlichen Gründen abrupt und drastisch eingeschränkt. Das Demokratisierungsprogramm, von Gimbel zwar auch als fiziert, war im Gegensatz zum pragmatischen Ansatz des die Szene souverän beherrschenden Clay „an interest fostered in part by empireNach Ausgangshypothese und Beweisen ist Gimbels Folgerung schlüssig. Zu fragen ist jedoch, ob bei einer Untersuchung der Re educationPlanung des SHAEF German Country Unit, der Demokratisierungsdirektiven und der Tätigkeit der Information Control Division und der Educapolitik der Militärregierung als nicht ganz so nebensächlich erscheinen würde. Wieweit dann die auf die, wirtschaftliche Entwicklung fixierte Darstellung von Gimbel revidiert werden könnte oder müßte, muß bis zur Vorlage einer solchen Studie dahingestellt bleiben.

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