Der sozusagen pathetische Ton
Warum fand Christoph Meckel keine« Verleger? Von Helmut Mader
ZT wei Jahre lang schickte Christoph Meckel das Ä Manuskript seines neuen Gedichtbandes an rund zwanzig Verlage und literarische Zeitschriften. Es wurde überall abgelehnt. Allerdings hatte sich Meckel hinter einem Pseudonym verborgen. Erst jetzt bekennt er sich zu seiner Identität mit „Thomas Balkan" — Christoph Meckel: „Die Balladen des Thomas Balkan"; Verlag Dieter Stollenwerk, Berlin; 89 S , 10 20 DM.
Aus der Tatsache, daß ein unbekannter Autor namens Thomas Balkan keine Chance hatte, zieht Meckel im Vorwort einige Schlußfolgerungen. Er weist auf die Schwierigkeiten hin, der „fast alle jungen, namenlosen oder nicht etablierten, am literarischen Gesellschaftsspiel nicht, teilnehmenden Lyriker und Schriftsteller unterworfen sind: eben ihre Namenlosigkeit oder ihre Weigerung, Maßstäbe anzuerkennen, auf die man sich geeinigt hat".
Das von Meckel hier angeschnittene Kapitel wäre einmal einer eingehenden Untersuchung wert. Ganz abgesehen von dem enormen Einfluß einiger weniger Großverlage auf die PublicityBildung — man kennt die Cliquenwirtschaft und findet sich mit ihr ab. Es gibt Autoren bei uns, deren Spitzenposition im literarischen Management ihnen nicht nur geradezu unbegrenzte Publikationsmöglichkeiten garantiert, sondern ihre Werke auch schützt vor jeder objektiven Kritik. Auf der anderen Seite ist es tatsächlich so, daß der Anfänger einpacken kann, wenn er keine Beziehungen hat.
Daß die Kritik inzwischen ihre nahezu totale Maßstablosigkeit zugibt, hindert sie nur selten daran, literarische Strömungen und auch bloße Moden von Zeit zu Zeit zu einer Diktatur scheinbar unumstößlicher ästhetischer Kategorien hochzuputschen. Dabei kommen gelegentlich groteske Ergebnisse heraus. Die konkrete Poesie beispielsweise, jahrelang belächelt oder totgeschwiegen, ist heute plötzlich en vogue. Aber diskutiert wird nicht über die originären Experimentatoren, die Avantgardisten von einst. Das Tagesgespräch dreht sich um die gefälligeren Epigonen. Meckels Frage, ob seine Balladen veröffentlicht worden wären, wenn Thomas Balkan Beziehungen gehabt hätte, Empfehlungen namhafter Leute, oder wenn er sie unter seinem Namen den Verlagen und Zeitschriften angeboten hätte, ist rhetorisch. Natürlich wäre das geschehen. Der Name Meckel hätte die Bedenken der Lektoren zerstreut, daß die Gedichte gegen den Konsensus dessen, worauf man sich geeinigt hat", verstoßen. Geeinigt hat sich der bundesdeutsche Feuilletonismus im Augenblick auf den von Reimar Lenz mit Recht als dürr und das Bewußtsein verengend charakterisierten „Neuen Glauben" der Linken und auf einen zweitrangigen und langweiligen Sprachformalismus, auf die Schlagworte „Engagement" und „Experiment" — beide eher gläubig und opportunistisch verehrt als theoretisch fundamentiert.
Einige Lektoren begründeten die Ablehnung von Meckels Balladen. Ihre Befremdung, um nicht zu sagen Konsternierung, galt der Balladenform und dem Pathos der Gedichte: da man heutzutage den sozusagen pathetischen Ton in der Lyrik nicht mehr gewohnt ist", heißt es bezeichnenderweise in einer der Absagen. Doch gerade die Verschmelzung von „trockener Modernität" und Pathos ist eines der hervorstechendsten Stilprinzipien eines großen Bereichs der zeitgenössischen Poesie, aufgefächert in zahlreiche und vielschichtige Nuancen und Varianten, ironisch gebrochen und kontrastiert, aber auf alle Fälle unübersehbar vorhanden.
Zum Balladesken neigte Meckels Lyrik von Anfang an, und zwar nicht nur in dem sehr vagen und weiten Rahmen, den Piontek seinen „Erzählgedichten" steckt. Was er jetzt getan hat, ist nichts anderes, als sechsundzwanzig Gedichte ausschließlich der Balladenform zu widmen und sie in einem Band zu vereinigen. Es sind typisch Meckelsche Gedichte, stark und eigenwillig metaphorisch, und es sind ein paar seiner besten Gedichte darunter („Herrn Babylons Leute", „Der unbeschäftigte Gott"). Die Vorbilder, die er bei seinen Abenteurer- und Seefahrerballaden, Chroniken und mythologischen Paraphrasen und Randnoten fortsetzt, sind der frühe Brecht und Dylan Thomas, zu dem es in diesem Band Meckels (auch in der Metaphorik) ziemlich augenfällige Parallelitäten gibt. Langatmigkeiten, eine gewisse „archaische Naivität" und auch eine gewisse Themenmonotonie, die einer der Verlagslektoren bemängelte, lassen sich als störender Grundzug in den Gedichten nicht leugnen. Wenn Meckel im Vorwort seinem Thomas Balkan noch einen Lebenslauf (inklusive gegenwärtiger Adresse) konstruiert, so ist das nicht mehr als eine (in diesem Falle zweifelhafte) Spielerei mit einer poetischen Fiktion. Balkans „Roadrunner" Dasein findet man zur Not indirekt in den Gedichten wieder;, sein Studiengang, seine Reiserouten und Lebensgewohnheiten und vor allem seine Existenzrechtfertigung als Poet — das ist einfach ein Zuviel an fiktiven Präliminarien. Es belastet die Gedichte mehr, als es ihnen nützt. Es erweckt den Eindruck, als wolle Meckel mit dem Trick vom Anfänger Thomas Balkan (an dem er wie an einer Realität festhält) die schwachen Stücke und Stellen seines Bandes entschuldigen.
- Datum 12.12.1969 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.12.1969 Nr. 50
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