Dialog Bonn-Moskau hat begonnen
Allardt verhandelte mit Gromyko — Interesse der Alliierten — Bald Antwort Polens?
Nach einer Vorbereitungszeit von mehr als zwei Jahren haben am Montag in Moskau Gespräche zwischen der Sowjetunion und der Bundesrepublik über einen Austausch von Gewaltverzichtserklärungen begonnen. Zur Einleitung der Verhandlungen wurde der Bonner Botschafter in Moskau, Helmut Allardt, vom sowjetischen Außenminister Gromyko zu einem eineinhalbstündigen Gespräch empfangen.
Nach Beendigung der Verhandlungen sagte Allardt, der von Botschaftsrat Rudolf Wolff und einem Dolmetscher in das sowjetische Außenministerium begleitet wurde, das Treffen mit Gromyko habe in freundschaftlicher Atmosphäre stattgefunden und sei „substantiell" gewesen. Die Verhandlungen würden „bald" fortgesetzt, fügte der Botschafter hinzu.
Die Geschichte des jetzt aufgenommenen deutsch sowjetischen Dialogs reicht bis zur „Friedensnote" vom 25. März 1966 zurück, in der die damalige Bundesregierung der Sowjetunion und anderen osteuropäischen Ländern den Austausch von Gewaltverzichtserklärungen vorschlug. Die Regierung der Großen Koalition versuchte den Dialog darüber fortzusetzen. Im Sommer 1968 hatte die UdSSR plötzlich entgegen allen diplomatischen Gepflogenheiten einen Teil der Dokumente veröffentlicht, die in diesem Zusammenhang zwischen Bonn und Moskau gewechselt worden waren. Als dann die sowjetische Regierung im Juli 1968 in einem Aide memoire an die Bundesregierung in sehr hartem Ton ein Interventionsrecht auf Grund der UNOCharta beanspruchte, wurden die Verhandlungen für die Dauer von eineinhalb Jahren unterbrochen.
Nachdem der sowjetische Außenminister Gromyko in zwei Reden vor dem Obersten Sowjet eine erneute Gesprächsbereitschaft des Kreml hatte erkennen lassen, schlug die Regierung Brandt Scheel in einer. Note an Moskau den 8. Dezember als Termin für die Wiederaufnahme der Verhandlungen vor. Einen Tag vor diesem Datum übermittelte der sowjetische Botschafter Zarapkin der Bundesregierung das Einverständnis Moskaus zum Neubeginn der Gespräche.
Die deutsch sowjetischen Gespräche sind bei den westlichen Alliierten mit großem Interesse registriert worden. In Washington hieß es, die US Regierung begrüßenden Dialog und hoffe, daß durch ihn etwas Konstruktives erreicht werde. In der französischen Öffentlichkeit werden die Verhandlungen nicht nur mit Zustimmung, sondern auch mit einer gewissen Skepsis verfolgt.
In Bonn erwartet man in den nächsten Tagen auch eine polnische Antwort auf das Gesprächsangebot vom vergan genen Monat. Unter Berücksichtigung des Ergebnisses der Moskauer Gipfelkonferenz wird mit einer positiven Antwort Warschaus gerechnet., In einer Erklärung zum Abschluß der Moskauer Konferenz (siehe auch „Dokumente der Zeit"), die sich hauptsächlich mit der Haltung des Ostblocks gegen über der neuen Bundesregierung befaßte, wurde die Möglichkeit zu bilateralen Gesprächen mit Bonn offengehalten. Die Tatsache, daß die Beziehungen der Ostblockländer zu der Bundesrepublik bereits vor einer völkerrechtlichen An erkennung der DDR ausgeweitet werden können, wird allgemein als eine Absage an die harten Forderungen gewertet, die Ulbricht auf der Gipfelkonferenz gestellt haben soll.
- Datum 12.12.1969 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.12.1969 Nr. 50
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