Der Aktendiebstahl brachte es an den Tag Die Air Force zahlte alles

Kriegsforschung an der Darmstädter TU? — Professor Fischer arbeitete für die Amerikaner — Studenten stellen Fragen / Von Hans-Joachim Noack Darmstadt

Professor Heinz Fischer, Inhaber des Lehrstuhls für angewandte Physik an der Technischen Hochschule Darmstadt, hat es zugegebenermaßen schwer. Er glaubt an die wertfreie Wissenschaft, zumindest glaubt er an das Prinzip. Aber er weiß auch, wie unsagbar kompliziert alles ist, mit welchen Mühen Forschungsfinanzierung betrieben wird, wie sehr die Institute immer wieder unter Geldmangel leiden. Professor Fischer weiß das alles, und deshalb hat er sich schon vor geraumer Zeit entschlossen, ein bißchen „Gnadenbrot" anzunehmen.

Dieses „Gnadenbrot", wie der Ordinarius die Unterstützung bei einer Diskussion im Juli vor wißbegierigen Studenten rechtfertigte, gewährt die amerikanische Luftwaffe. Seit Anfang vergangenen Jahres gibt es zwischen dem Forscher und der Air Force einen regelrechten Vertrag. Der Professor ist angehalten, Messungen von Lichtimpulsert im Nano Sekundenbereich, mithin die Entwicklung sehr kurzzeitiger Lichtquellen voranzutreiben. 1968 ließen sich die Amerikaner die Versuche in Darmstadt annähernd 90 000 Mark kosten, der ordentliche Lehrstuhlhaushalt ist um ein Vielfaches geringer.

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Die Kontakte zwischen dem Forscher und der Air Force haben seit langem einen festen Boden. Fischer, Jahrgang 1905, bereits 1936 Hochschullehrer an der TH Darmstadt, in der Zeit des Dritten Reiches mit Forschungsaufträgen für die Kriegsmarine betraut, ist mit den Amerikanern nie schlecht gefahren. Außer am Anfang vielleicht, 1945, nach dem Zusammenbruch, als sie ihn wie ungezählte andere Wissenschaftler in die Staaten verfrachteten. Im Falle Fischer entwikkelte sich sehr schnell eine ausgezeichnete Zusammenarbeit zwischen dem Deutschen und der Luftwaffe, der Professor arbeitete mit gutem Erfolg nahezu zwanzig Jahre in der Neuen Welt, ehe er 1964 nach Darmstadt zurückkehrte.

Seit 1964 ist die Rolle des Physikers nun nicht mehr so eindeutig. Mit Kenntnis und Billigung der Hochschule und des Kultusministeriums, so ermittelten die Studenten, zog Fischer in der Folgezeit „eine Art Mischbetrieb" auf: Er erhielt in Darmstadt ein persönliches Ordinariat, reiste jedoch jeweils sieben Monate im Jahr in die Vereinigten Staaten zurück, um für die Air Force in amerikanischen Laboratorien weiterzuarbeiten. Gleichzeitig kam Stück für Stück kostspieliges Forschungsgerät über den Ozean nach Darmstadt. Als der Professor im Januar 1968 mit seiner Vertragsarbeit begann, enthielt sein Institut Gerät im Wert von ungefähr einer halben Million Mark. Es gehörte fast ausnahmslos der Air Force. Es war, nach Fischers Deutung, der „Goldklumpen", der ihm, wie weiland dem Hans im Glück, für langjährige treue Dienste von seinem ehemaligen Arbeitgeber, der Air Force, überlassen worden sei. Aber an der Technischen Hochschule Darmstadt gibt es Studenten, denen es nicht gefällt, wie einer ihrer Ordinarien seine Situation zu umschreiben gedenkt. Sie möchten es, dem Professor gleich, zwar auch mit Prinzipien halten (etwa mit der Freiheit von Forschung und Lehre), aber sie glauben nicht an deren Realisierung, solange das bundesdeutsche Hochschulsystem eine Abhängigkeit und Verflechtung wissenschaftlicher Arbeit mit wirtschaftlichen und militärischen Interessen ermöglicht — wie es nach ihrer Ansicht der Fall Fischer offenbart.

Um zu beweisen, wie sehr sich der Physiker ins Gestrüpp begab, besetzten am 14. November etwa vierzig Technologie Studenten das Institut. Und während sie den Professor in einen Dialog verstrickten, während Fischer seine „Gnadenbrot"- und „Goldklumpen" Theorie erläuterte, verschwanden aus einem Aktenschrank acht Ordner mit Unterlagen zur Sache „Unbekannte Täter" — sagt die Staatsanwaltschaft — schleppten das Material an einen geheimen Ort und photokopierten, was ihnen wichtig erschien. Drei Tage später gaben zwei Studenten die Akten im Rektorat als „Fundsache" zurück.

Seither ist ein intensiver Streit darüber im Gange, ob man das, was Fischer in seinem Institut unternimmt, Kriegsforschung nennen kann. Daß deutsche Wissenschaftler für das Pentagon arbeiten, war spätestens im Mai dieses Jahres bekanntgeworden, als das US Verteidigungsministerium für eine Kongreßdebatte eine Liste der ins Ausland vergebenen Aufträge zusammenstellte und zweimal von der Darmstädter TH die Rede war. Fischer, von Studenten befragt, leugnete seine Kontakte zu amerikanischen Militärdienststellen nicht, wie auch bereits im THD Jahrbuch 1968 der spezielle Forschungsauftrag registriert war. Nur: der Physiker verharmloste seine Arbeit. Noch am 2. Dezember, als das hessische Kultusministerium mittlerweile eine Untersuchungskommission gebildet hatte, bemühte sich der Professor, die Problematik aus allzu hellem Licht zu zerren: „ glauben Sie wirklich", ließ er einen Journalisten wissen, „die amerikanische Technologie, die zeigt, wie man zum Mond hin- und zurückfliegt, könne in irgendeiner Weise von unseren so sehr bescheidenen Versuchen abhängen oder beeinflußt werden?" Doch dieses Bild von der Supermacht und dem kleinen Professor, von großen Sprüngen im All und bescheidenen Versuchen im unscheinbaren Institut einer Hochschule in Alteuropa zielt am Kern vorbei. Welches Interesse die Air Force der Arbeit Fischers entgegenbrachte, geht allein schon aus einem Brief vom Frühjahr 1967 hervor, in dem der Wissenschaftler darum ersucht wird, eine Landehilfe für Hubschrauber auszuknobeln sowie ein Paper über die Anwendung seiner Forschung für das „Programm des begrenzten Krieges" (Tagungsthema des „CIRAD Meetings", eines Treffens zur Erörterung u a der Guerilla Bekämpfung in Ländern der Dritten Welt im Juni 1967 in Houston) vorzubereiten. Fischer ist hocherfreut über diese Einladung. Er begrüßt die Anregung mit Nachdruck und beeilt sich, dem Wunsch seiner Auftraggeber nachzukommen.

Doch wesentlicher als die Suche nach den Einflußmöglichkeiten des deutschen Professors auf die amerikanische Nation ist die Frage nach dem umgekehrten Verhältnis, etwa der fatalen Abhängigkeit eines bestimmten Forschungszweigs an einer x beliebigen Hochschule in der Bundesrepublik von ihren Auftraggebern.

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