Die Rache der Gesellschaft

Von Hellmuth Karasek

Als Sharon Täte und ihre Partygäste vor einigen Monaten in ihrer Villa tot aufgefunden wurden, da fehlte es in vielen Zeitungen nicht an Hinweisen, die zwischen dem Ritualmord und den Filmgewohnheiten des Tate Ehemanns Polanski eine Kausalkette knüpfen wollten: Wer sich in die Gefahr solcher Filme begibt, der braucht sich nicht zu wundern, wenn er darin umkommt.

Jetzt, da die mutmaßlichen Täter in ihren Geständnissen immer grauenvollere Details „auspacken", scheint sich das Entsetzen noch zu potenzieren: Nicht Gewohnheitskiller haben das kalifornische Blutbad angerichtet, sondern junge Mädchen, denen ihre Zugehörigkeit zu einer Hippie Kommune bisher eher das Adjektiv „sanft" eintrug; eine selbst Schwangere fiel mit dem Messer über die schwangere Sharon Täte her; die üblichen „Motive", die uns Verbrechen erklärbar, kommensurabel mächen, scheinen zu fehlen; geschlachtet wurden die Opfer „bloß so", der Zufall hatte sie ausgewählt, den jungen Mörderinnen wären andere ebenso recht und ebenso gleichgültig gewesen.

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Kein Wunder also, wenn die Phantasie vieler Zeitgenossen aufs neue zu heftigen Kurzschlußreaktionen verleitet wurde.

Ein Hippie Fürst, der sich bald „Satan", bald „Jesus" nennen ließ, hatte junge, ihm hörige Mädchen zu diesem und anderen Ritualmorden ausschwärmen lassen. Schlimmer noch: Die ungehemmte Bestialität hatte sich offenkundig auch im Haschisch- oder LSD Rausch ausgetobt — die Meldungen gehen da (und nicht nur da) bisher wild durcheinander.

Der vierunddreißigjährige Charles Manson, der mutmaßliche Mordanstifter von Hollywood, trägt langes Haar und einen Vollbart. Die Mädchen, die auf sein Geheiß mordeten, üben sexuelle Promiskuität und nehmen Drogen. Was sie, nach ersten Berichten, in der Polanski Villa anstellten, spottet in der Tat jeder Beschreibung.

Was aber nun einsetzt, ist ein fataler, wenn auch nicht unbekannter Mechanismus: „Bild" berichtete aus Hollywood direkt: „Zu Hunderten lungerten sie in ihren schmuddeligen Lumpen vor Imbißstuben, lehnten sich an chromblitzende Straßenkreuzer und zogen gierig an ihren Marihuana Zigaretten. Doch plötzlich sind die Bürgersteige im Hippie Viertel leergefegt. Seitdem die Satanbande unter Mordverdacht steht, ist unter den"BltimetiMndern eine Panik ausgebrochen Gründe? seitdem klar ist, wer das Blutbad in der Täte Villa angerichtet hat, ist es mit der Geduld der Bevölkerung vorbei. Die Stimmung gegen die Blumenkinder wächst von Tag zu Tag Ein grauhaariger Taxifahrer: „Am Anfang haben wir über sie gelächelt. Aber jetzt ist es uns vergangen. Jetzt fressen sie uns auf. Ich verstehe nicht, daß niemand etwas unternimmt " Wieder „Bild": „In der Tat — für viele Amerikaner sind die Blumenkinder mehr denn je Tagediebe, Horden, in denen das Verbrechen wächst " Der Mordfall an Sharon Täte fällt also nicht etwa auf die Mörder allein zurück, er macht es der Gesellschaft bequem, sich gleichzeitig von einer ihr stets unbequemen Außenseitergruppe zu „säubern". Das Syndrom ist bekannt: Hat Herr Meier einen Mord, sagen wir, 1934, begangen, dann war er ein Mörder. Hieß er unglücklicherweise Rosenbaum, dann hatte man es schon immer gewußt es waren wieder die Juden. Die „Bild Zeitung" verrät in aller Unschuld, daß die Hippies ahnen, was ihnen blüht. Die Straßen sind ja von den „Lungernden" in „ihren schmuddeligen Lumpen" längst „wie leergefegt". Noch wundert sich der Taxifahrer, daß niemand etwas unternimmt.

Günter Zehm in der „Welt", die für die Bestialitäten von Song My viel Verständnis und noch mehr Schweigen aufbrachte, würde sich dagegen nicht wundern, wenn nun, „da man die mutmaßlichen Täter unter Gewahrsam hat , bald das große Psychologisieren und Relativieren anheben" würde „Psychiater werden auf den Plan treten und werden die Beschuldigten als bedauernswerte Opfer der Gesellschaft beschreiben Wir wollen Zehm den Gefallen tun. Denn ganz um die Gesellschaft kommt man ja wohl nicht herum, wenn man liest, daß der vierunddreißigjährige „Satan" Manson ganze dreizehn Jahre seines Lebens in staatlichen „Besserungsanstalten" zubrachte. Wer mit scheinbar mathematischem Scharfsinn folgert, daß Haschisch plus Hippietum zwanghaft zum Mord führen, dem könnte man also die ebenso abstruse Gegenrechnung aufmachen, daß dreizehn Jahre staatlicher „Besserungs"versuche die beste Vorbereitung auf eine Mörderkarriere wären.

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