Die Zukunft der Wissenschaft
Von Carl Friedrich Freiherr von Weizsäcker
Die Zukunft ißt Ungewisser als je zuvor, weil die Welt sich noch nie so schnell verändert hat wie heute. Früher enthielt die Prognose, die Welt werde so bleiben, wie sie ist, stets ein großes Stück Wahrheit; heute ist sie manifest falsch, aber wie die Welt werden wird, ist schwer zu wissen. Der rasche Wandel ist vor allem eine Folge der Wissenschaft. Wer nach der Rolle der Wissenschaft in den nächsten zehn Jahren fragt, fragt also nach dem Hauptfaktor im Wandel der Welt. Darum ist es berechtigt, nicht nur zu fragen, wie diese Rolleaussehen wird, sondern wie sie aussehen ioL ; , Die Frage wird dadurchkompliziert, daß das ursprüngliche Ziel der Wissenschaft gar nicht ist, die Welt zu verändern. Gewiß werden heute die meisten für Wissenschaft ausgegebenen Mittel gegeben, weil man äußere Wirkungen von ihr erhofft. Aber die wichtigste Motivation der Menschen, die in die Wissenschaft gehen, war ursprünglich und ist wohl auch heute noch die Suche nach der Wahrheit, bescheidener gesagt eine theoretische Neugier. Wissenschaft ist— im wesentlichen wenigstens — auch nur wirksam, soweit es ihr glückt, Wahrheit zu finden (Dies gilt übrigens, obwohl die Wissenschaft den. Wahrheitsbegriff naiv benutzt und nicht darüber Rechenschaft geben kann, was wissenschaftliche Wahrheit eigentlich ist ) Das innere Wachstum der Wissenschaft, gewiß eine der wichtigsten Voraussetzungen ihrer äußeren Wirkung, kann daher nur im Blick auf ihre Wahrheit, also den Gegenstand, mit dem ihre Aussagen übereinstimmen sollen, beurteilt werden. Das Wachstum der Wissenschaft in den siebziger Jahren, das sind;vor allem dieWahrheiten, die siedann fin den wird. Diese lassen sich heute kaum prognostizieren; sonst besäßen wir sie ja heute schon. Was ich trotzdem über die demnächst kommende Wissenschaft zu mußmaßen wage, möchte ich deshalb gemäß der inneren Gliederung ihrer Gegenstandsgebiete aufteilen.
Die beliebte Frage, ob Mathematik eine Natur- oder Geisteswissenschaft sei, geht von einer unvollständigen Einteilung aus. Sie ist eine Strukturwissenschaft. Sie studiert Strukturen in abStrukturen haben, ja ob es überhaupt solche Dinge gibt.
Es ist heute sinnvoll, eine Erörterung über die Rolle der Wissenschaft mit den Strukturwissenschaften zu beginnen. Das wissenschaftliche Verfahren der Abstraktion vom Einzelfall, der Suche nach allgemeinen Gesetzen, ist hier am weitesten getrieben. Ein Physiker, ein Populationsbiologe, ein Ökonom können dieselbe Mathematik benutzen. Die Mathematisierung der Wissenschaften ist eines der Merkmale der heutigen wissenschaftlicken Entwicklung. In den Strukturwissenschaften ist der wissenschaftliche Fortschritt heute vielleicht am schnellsten und radikalsten. Dieser Fortschritt wird nach menschlichem Ermessen in den siebziger Jahren eher beschleunigt weitergehen.
Als Strukturwissenschaften wird man nicht nur die reine und angewandte Mathematik bezeichnen, sondern auch das in seiner Gliederung noch nicht voll durchschaute Gebiet der Wissenschaften, die man mit Namen wie Systemanalyse, Infor , matiönstheorie, Kybernetik, Spieltheorie bezeichnet. Sie sind gleichsam die Mathematik zeitlicher Vorgänge, die durch menschliche Entscheidung, durch Planung, durch Strukturen, die sich darstellen lassen, als seien sie geplant, oder schließlich durch Zufall gesteuert werden. Sie sind also Strukturtheorien zeitlicher Veränderung. Ihr wichtigstes praktisches Hilfsmittel ist der Computer, dessen Theorie selbst eine der Struktur- , Wissenschaften ist.
Wer in einem Lande den Fortschritt der Wissenschaft fördern will, muß diese Wissenschaften vordringlich fördern, denn sie bezeichnen gleichsam eine neue Bewußtseinsstufe.
Aber der wissenschaftliche Fortschritt ist ambivalent. Er bringt gefährliche Wirkungen mit sich. Das gilt ohne Zweifel auch und gerade von den Strukturwissenschaften. Der Bewußtsemswändel, den sie mit sich bringen, gibt uns die Macht der Planbarkeit. Er enthält ebenso die Gefahren der Planbarkeit. Der wissenschaftlichen Wahrheit ist eine ihr anhaftende Unwahrheit zugeordnet. Die Strukturwissenschaften führen die Versuchung mit sich, alle Wirklichkeit mit machbarer, planbarer Struktur zu verwechseln. Die Inhumanität der Technokratie ist eine Folge des Siegs des strukturellen Denkens im Sinne dieser Wissenschaften. Trotz des Protests der heutigen intellektuellen Jugend, eines. Protests um der Menschlichkeit willen, werden die siebziger Jahre vermutlich ein technokratisches Zeitalter par excellence sein. Das Durchdenken und Planen der un- ser Leben durchziehenden Strukturen ist heute lebensnotwendig. Aber eine der wichtigsten An strengungen in der Bewußtseinsbildung muß es sein, dem Blick für Strukturen den Blick für Wirklichkeit komplementär gegenüberzustellen. Die zentrale Disziplin dieses Bereichs ist die Physik, die mit der Chemie, in der Atomphysik zu einer prinzipiellen Einheit zusammengewachsen ist. Die zahlreichen Regionaldisziplinen aus denen altehrwürdig und heute aufs neue faszinierend die Astronomie herausragt, die aber überwiegend praktisch wichtige Gebiete behandeln (Geologie und Petrographie, Meteorologie und Ozeanographie usw ), können prinzipiell als Anwendungen der Grundgesetze der Physik gelten. Diese Wissenschaften beziehen heute mit gutem Grund das meisteGeld. Die Neuzeit hat die erstaunliche Entdeckung gemacht, daß es ein Gebiet gibt, in dem einfache Gesetze wirklich gelten, daß es also wirklich einfache Strukturen gibt. Diese Gesetze sind die Grundgesetze der Physik. Ihre Gleichungen lassen sich in großer Genauigkeit empirisch prüfen und in vielen Fällen mathe- matisch lösen. Hier gibt es exakte Prognosen (Sonnenfinsternisse auf Jahrtausende hinaus, auf die Minute, ja Sekunde genau). Die Macht der wissenschaftlichen Technik beruht auf der Zuverlässigkeit der Prognosen.
Ich halte für möglich, daß die Physik als Grundlagenwissenschaft vollendbar ist und daß diese Vollendung eine Aufgabe sein wird, an der die siebziger Jahre wesentlich mitarbeiten werden. Sie wird dann vollendbar sein, wenn sie sich als die Strukturwissenschaft von den einfachsten möglichen Systembausteinen („einfachen empirisch entscheidbaren Alternativen") erweist. Ihr Geltungsbereich wäre dann so umfassend wie die Reduzierbarkeit der Fragen an die Wirklichkeit auf entscheidbare Alternativen, oder die „Objektivierbarkeit des Geschehens". Dieser hochabstrakte Grund ihrer Geltung ließe Raum für eine Deutung der Wirklichkeit selbst als Leben, als Geist. Hier führt Physik zur Philosophie. Die Erforschung spezieller physischer Objekte — feste Körper, chemische Verbindungen, strömende Flüssigkeiten, Gase und Plasmen usw — und erst recht die praktische Anwendung all dieses Wissens würden nicht auf eine Grenze stoßen, auch wenn sich die nach Grundgesetzen suchende Physik als vollendbar erwiese, denn eben diese Grundgleichungen lassen eine praktisch unbegrenzte Vielzahl von Lösungen zu. Der Einfluß und Nutzen und damit auch der Geldbedarf der Wissenschaften vom Anorganischen wird noch wachsen.
- Datum 12.12.1969 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.12.1969 Nr. 50
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