Ein fatales Junktim

Europas Physiker sollen ein riesiges Forschungsinstrument bekommen, das größte seiner Art in der ganzen Welt, eine Sonde, mit der man bis zu den elementarsten Bausteinen alles Existierenden vorzudringen hofft; offizielle Bezeichnung: 300 GeV ProtonnbeschleujMger. Das Gerät soll nach Plänen gebaut werden, die unter der Leitung von Professor John B, Adams von einer Arbeitsgruppe am europäischen. Kernforschungszentrum CERN bei Genf entwickelt worden sind; die Baukosten sind auf 1 4 Milliarden, die laufenden Mittel für den Betrieb der Anlage auf jährlich 300 Millionen Schweizer Franken veranschlagt. Doch wo das große Forschungszentrum seinen Standort haben wird, ob in Österreich, in Italien, Belgien, Frankreich oder in der Bundesrepublik Deutschland, das ist eine noch offene Frage.

Immerhin haben schon sechs der insgesamt vierzehn Länder, die im CERN außerordentlich erfolgreich zusammenarbeiten (was von anderen europäischen Forschungszentren ganz und gar nicht gesagt werden kann, grundsätzlich ihre Absicht erklärt, sich an dem Projekt zu beteiligen. Frankreich hat inzwischen sogar schon eine endgültige Zusage gegeben, öscerraich will diese Entscheidung möglichst noch vor dem Jahresende treffen, und in der Bundesrepublik bereitet das Ministerium für Bildung und Wissenschaft eine Vorlage für das Kabinett vor, das sich in Kürze definitiv zu dem 300 GeV Beschleuniger Plan äußern will Unter den Alternativen, über die das Kabinett beraten soll - befindet sich der Vorschlag, die endgültige Zusage zur Mitarbeit an dem Projett davon abhängig zu machen, ob die große Mischine (Herzstück: ein Ringtunnel mit einem Durchmesser von 2 4 Kilometern) mit den dazugehörigen Laboratorien und Versorgungseinrichtungen seinen Platz in der Bundesrepublik habein wird oder nicht.

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Die Bundesregierung wäre sehr schlecht beraten, wenn sie sich zu einem solchen Junktim erschließen würde. Aller Voraussicht nach werden sich Frankreich und die kleinen Länder so nicht unter Druck setzen lassen wollen Österreich hat schon erklärt, daß es nicht gewillt sei, sich in der Verwirklichung des schon einige Jahre alten Plans zu beteiligen, wenn nun noch einmal, wie es zuvor geschehen war, einer der Staaten neue Bedingungen stellt.

Wenn Deutschland sein Jawort an die Bedingungen knüpfen sollte, die Anlage in <ier Bundesrepublik Zu errichten, dann würde nsch Ansicht vieler Fachleute dies den Tod des 300GeV Projektes bedeuten. Einige Physiker befürchten ernsthaft, die Berater des Wissenschaftsministers, die jene conditio sine qua non vorgeschlagen hätten, wollten in Wirklichkeit damit nichts anderes erreichen als den europäischen Großbeschleuniger Plan auf diese Weise elegant zu Fall zu bringen, Ohn e Frage ist es aus sehr vielen Gründen wünschenswert, daß das große Zentrum 4er Hochenergiephysik in Deutschland entsteht. Big wird, viel Geld und dem Staat viel Prestige. Nicht zu unterschätzen ist vor allem auch der kulturelle Profit: Ein Zentrum, das die Forscherelite der Welt ins Land bringt, wirkt belebend auf Wissenschaft und Bildung. Es wäre schließlich auch gerecht, wenn die Bundesrepublik Deutschland, die bislang bei der Errichtung europäischer Forschungszentren arg benachteiligt worden war, den Zuschlag erhielte, zumal die Verkehrslage, die Nähe von Universitäten, die Verfügbarkeit von Facharbeitern und Siedlungsraum, insbesondere auch die sehr wichtigen geologischen Verhältnisse an dem vorgesehenen Standort in Drensteinfurt bei Münster äußerst günstig sind. Aber es wäre fatal, wollte man sich jetzt an diesem europäischen Gemeinschaftsprojekt nur beteiligen, wenn es in Deutschland verwirklicht wird. Damit nämlich ließe die Bundesregierung indirekt erkennen, daß sie an der wissenschaftlichen Bedeutung eines solchen Zentrums nicht so sehr interessiert ist wie an dessen politischen und kulturellen Nebenwirkungen. Allein für den Gewinn an Prestige und die Belebung des geistigen Lebens, die mit dem 300 GeV Beschleuniger unserem Lande zugute kämen, wären aber fünfhundert Millionen Mark — so etwa die Höhe unserer finanziellen Beteiligung am Bau — weiß Gott ein allzu hoher Preis. Dieses Gele! könnte man dann besser in Schulen anlegen.

 
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