Oper: Harry Meyens Hamburger „Tannhäuser' Einfallslos
Eine peinliche und vollkommen überflüssige Panne, die sich leicht voraussehen und daher vermeiden ließ — so präsentiert sich das Fazit der „Tannhäuser" Inszenierung, die man jetzt den Hamburgern angetan hat. Denn nicht etwa an den Schwierigkeiten, die das Werk selber bereitet, ist der Regisseur Harry Meyen auf geradezu exemplarische Weise gescheitert; und schon gar nicht an einer neuen oder kühnen Konzeption. Woran also? Hier der Venusberg, dort die Wartburg, hier ein betörender Sündenpfuhl, vielleicht ein „geträumtes Bordell" (Adorno), dort der Thüringer Wald mh der „Vöglein liebem Sänge" und der „Glocken trautem Klange", hier tanzende Nymphen, dort betende Pilger, hier charmante Bacchantinnen, dort viele Helden, „tapfer, deutsch und weise", hier Leib, Wollust und Sinnlichkeit, dort Geist, Idee und Innerlichkeit, hier Dionysisches und Ekstase, dort Puritanisches und Askese, hier Heidentum, dort Christentum, hier die allzuweibliche Göttin Venus, dort das allzugötrliche Weib Elisabeth.
Und zwischen diesen beiden Welten der unruhige und unzufriedene Literat Heinrich von Tannhäuser, der mit der Venus nicht mehr schlafen will und sie nur noch besingt und der mit der Elisabeth, statt sie nur zu besingen, schlafen möchte, er, der Poet, Playboy und Provokateur, der auf der Wartburg die herrschenden Mächte frech und übermütig herausfordert, der sündige Sänger, der romantische Rebell, der naive Narr, dem das, sagen wir, Establishment grausam das Genick bricht.
Dieser strebende und also irrende Tannhäuser, den das Ewigweibliche eher irritiert und fasziniert als hinanzieht und der schließlich wie jener andere Heinrich erlöst wird, er scheint mir von allen Tenorhelden Wagners der menschlichste zu sein — auf jeden Fall weit sympathischer und interessanter als der dümmliche Dichter Stolzing, der stumpfsinnige Schläger Siegfried oder der tumbe Tor Parsifal.
Zugleich bin ich überzeugt, daß der „Tannhäuser" für das moderne Musiktheater weniger problematisch ist als die späteren Wagner Opern und eine durchaus dankbare Regieaufgabe darstellt. Der wichtigste Grund dafür: Jener Dualismus, der das ganze Werk durchzieht, der sein Fundament ebenso ist wie sein Rahmen, läßt sich ganz und gar ins Szenische, ins Visuelle umsetzen. Und davon vor allem hängt der Erfolg oder Mißerfolg des „Tannhäuser" Regisseurs ab: Ob und in welchem Maße er die beiden kontrastierenden Welten in ihrem Gegensatz und Widerspruch sichtbar machen kann.
Indes erweckt Harry Meyens Inszenierung den Eindruck, als sei ihm dieser Antagonismus vollkommen entgangen: Nichts wird getan — und das gilt auch für den Bühnenbildner Josef Svoboda — um zu verdeutlichen, worum sich Wagner unentwegt (und wie wir wissen, nicht ohne Erfolg) bemüht. Der Venusberg, den er logischerweise möglichst attraktiv und verführerisch ausgestattet haben wollte, ist kühl und nüchtern, leer und recht ungemütlich, als ginge es darum, dem Publikum verständlich zu machen, warum es Tannhäuser in dieser Welt nicht mehr aushaken kann.
Was soll man mit den Bacchanalien tun? Wieland Wagner bot (in Bayreuth 1964) statt des Balletts von gestern angestrengt turnende und exerzierende Massen mit der Venus als Kommandeuse: An Stelle eines heidnischen Liebestaumels gab es eine unheimliche deutsche Ordnung.
Meyen ist etwas anderes eingefallen: Er schafft die von Wagner geforderte Ballett Orgie ab und begnügt sich mit zwei liebenden Mädchen, deren Bodenübungen in einem aufrecht stehenden Spiegel zu sehen sind. Hat auch Frau Venus Personalschwierigkeiten? Für etwas Abwechslung sorgen im Venusberg wenigstens Svobodas muntere, wenn auch recht blasse Lichtspiele in verfließenden Farben und allerlei psychedelische Effekte, die freilich eher hübsch als aufregend sind. Nur frage ich mich, ob es nicht richtiger wäre, zu diesen Lichteffekten eine neue Partitur zu bestellen.
- Datum 12.12.1969 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.12.1969 Nr. 50
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