Ekstasen, Orgien, Politpop

Amerikanische Untergrundfilme im Deutschen Fernsehen /Von Wolf Donner

Der Untergrundfilms ist keinem gelungen, und es wird sie wohl nie geben (Die wichtigsten Arbeiten in Deutschland erschienen in den Zeitschriften Filmkritik und film, auf amerikanische Publikationen hat Siegfried Schober in der ZEIT vom 5. Dezember 1969 hingewiesen ) Lediglich gewisse stilistische und thematische Gruppierungen sind erkennbar, obwohl auch die sich überschneiden. Man kann grob unterscheiden zwischen fein poetischen, erzählenden und formal experimentierenden Filmen, inhaltlich zwischen sozialkritischem Protest, an beliebigen Objekten demonstrierten Manifestationen der neuen Filmästhetik, magisch mythologischen Phantasmagorien und der politischen Agitation. Eine Handvoll „Klassiker" haben den Ruhm des NAC begründet und sind, teilweise mit erstaunlich hohen Einspielergebnissen, bis heute die Vorreiter bei der Eroberung der kommerziellen Kinos der USA geblieben: „Chelsea Girls" und von Kenneth Anger, „The Brig" von Jonas Mekas, „Portra it of Jason" von Shirley Clarke, ein paar Filme noch von Stan Brakhage, Ed Emshwiller, Gregory Markopoulos, Ron Rice — schon die wenigen Namen und Titel veranschaulichen die Vielfalt der Formen und Themen. Es ist daher zu begrüßen, daß die Filmredaktion des Westdeutschen Fernsehens, die etwa fünfzig repräsentative Filme in der New Yorker Cooperative ausgewählt hat, auf neue Klassifizierungen verzichtet und das umfangreiche Programm in sachlichen, rein informativen Zusammenstellungen präsentiert. Einmal werden bekannte und wichtige Regisseure einzeln vorgestellt: Warhol, Anger, Clarke, Emshwiller, Norman Mailer, Jim McBride; in der Kombination eines Abendprogramms: Andrew Meyer und die Brüder Kuchar, Brakhage und Markopoulos; als thematische Gruppen schließlich: Anfänge des NAC, Pop Filme, Politpop, filmische Abstraktionen, Black Power Filme, politische Wochenschauen (newsreels).

Die Eindeutschung wird flexibel gehalten. Wo es notwendig erscheint, wird mit Untertiteln gearbeitet, sonst werden blockweise zusammenfassende Übersetzungen, eingespielt. Die Moderationen möchte man sich informativer, detaillierter wünschen. Bei den Einführungen zu Emshwiller sah man den Moderator in ständig veränderten Kameraeinstellungen, einmal sogar doppelt in einer gestoppten Überblendung. Was soll das? Muß denn der Hinweis auf eine Kunstgattung selber zur Kunst stilisiert werden? Und noch eine Einschränkung: Über die Ausstrahlung von Filmen im Fernsehen ist hier wiederholt gesprochen worden. Gerade in diesem NAC Programm gibt es Streifen, die, in den Bildschirm gezwängt, tatsächlich den Vergleich einer Kunstausstellung im Briefmarkenformat zulassen. So kann das Unternehmen nicht mehr sein als Hinweis und Information, eine Aufforderung, sich mit diesen Filmen auf der Leinwand auseinanderzusetzen. Im Fernsehkino geht zu vieles von dem verloren, was das größte Verdienst des amerikanischen Untergrundfilms darstellt, die immense Erweiterung filmischer Ausdrucksmöglichkeiten: ein völlig unkonventioneller Umgang mit dem Filmmaterial, die oft exzessive, pathetische oder extrem statische Kameraführung; eine provozierende Unvollkommenheit und technische Unbekümmertheit, die scheinbare Unbeholfenheit mancher Filme, die doch nichts als bewußtes Programm und exakte Kalkulation ist und die "Faszination neuer, ungewohnter Schönheit hat; Szenen, Handlungen, Dekors, Farben, Visionen, Bilder, Techniken, die man nie zuvor gesehen hat, die einen irritieren und verzaubern; ein optisches Vokabular schließlich, das längst auch aus dem deutschien Untergrundfilm bekannt ist — mehrfach belichtete oder übereinander kopierte Szenen, Zeitraffer und Zeitlupe, farbstichige Sequenzen, extrem lange oder kurze Einstellungen, Aufteilung des Bildformats in simultan laufende Ausschnitte, abstrakte Kollagen und Montagen, die Verfremdung des Gezeigten durch Unscharfen, Über- oder Unterbelichtungen. Auch viel Narzißmus ist dabei, ein selbstgefälliger Kult mit den Reizwerten modischer Strömungen, geschmäcklerische Bekundungen von sexueller Emanzipation und Protest als Religionsersatz, viel Irrationalismus und Zauberspuk und, „Klischees, die der Schatzkammer des kitschigsentimentalen Kintopps entstammen" (Susan Sontag in „Against Interpretation"). Immer sind es Filme, die — man hat es „das neue Sehen" oder „die Kritik überkommener Sehgewohn heiten" genannt — den Zuschauer herausfordern, ihn in ein irritierendes Assoziationsspiel: verwickeln, die eine neue Aufmerksamkeit, ein filmisches Denken verlangen und auch eine neue Gelöstheit, weil sie den Sehvorgang nicht festlegen auf ein bekanntes, unendlich variiertes System von Reaktionen.

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Langst haben auch bekannte Regisseure die neue Ästhetik des Untergrundkinos für sich zu nutzen gewußt. Godard und Antonioni zum Beispiel haben tagelang in der New Yorker Filmkurzem nach dem Einschreiten der Polizei „wegen Verstoßes gegen die guten Sitten" geten Hollywood Filme der letzten Zeit stehen unter direktem oder indirektem Einfluß des NAC; der Amalgamienmgsprozeß neuer Techniken und Sehweisen reicht von der großen Farborgie in Kubricks „Odyssee im Weltraum" bis, zu dem in Kürze bei uns anlaufenden „Easy Weniger in der künstlerischen Verarbeitung und Ausbeutung ihrer Filme sehen die Uatergrundregisseure eine Gefahr als vielmehr in der verlockenden, aber erdrückenden Umarmung durch die kommerzielle Filmwirtschaft. Hollywood hat das NAC als wirtschaftliche Macht und neue Konkurrenz auch im regulären Kino erkannt; die Filmmacher erhalten Angebote, Regieaufgaben zu übernehmen und ihre Filme durch die großen Verleihe auswerten zu lassen. Bis jetzt haben sie sich geweigert: Wer in den Moloch des Konsumkinos gerate, der gebe sich selber auf, zudem werde Hollywood den Untergrund nur aufzukaufen versuchen.

Dieser Aufmerksamkeit der Filmindustrie steht ein seltsames Desinteresse der amerikanischen Presse am NAC gegenüber. Ein Grund dafür ist sicherlich die politische Unverbindlichkeit eines Großteils der amerikanischen Untergrundfilme — ein fühlbarer Gegensatz zum „anderen Kino" der jungen deutschen Filmemacher. Schon 1964, als zum erstenmal ein umfangreiches NAC Programm in der Bundesrepublik gezeigt wurde, ist die Esoterik dieser Filme, die willkürliche Reduktion eingefangener Wirklichkeit auf die subjektive Art. ihrer Wahrnehmung kritisiert worden. Ihre Revolution ist im wesentlichen eine formalästhetische und der Anteil politisch engagierter Regisseure relativ gering.

Eine desto größere Bedeutung kommt der Ende 1967 gegründeten Gruppe „Newsreel" zu, in deren Statut es heißt: „Wir sind engagiert in einem Befreiungsprozeß gegenüber zahlreichen Geisteshaltungen, die in der amerikanischen Gesellschaft virulent sind, und wir kämpfen für eine Veränderung der Organisationsstruktur und Kontrollmechanismen, dieser Gesellschaft Ihre technisch meist unvollkommenen, aber sehr aktuell gedrehten Filme werden von einem Lastwagen auf Straßen und Plätzen vorgeführt oder kostenlos an Universitäten und politische Organisationen verschickt. Es geht dem Kollektiv nur um den schnellen Einsatz des Films und die politische Effektivität der durch ihn ausgelösten Diskussionen — was mit der Kopie geschieht, ist ihnen egal.

Auf eine ganz andere, rein fiktive Weise arbeitet Norman Mailer in seinem großartigen: 90Minuten Film „Beyond the Law", einer grimmigen Studie über die Verhörpraktiken der amerikanischen Polizei.

Solche Aktivitäten sind notwendig, schon um die landläufige Vorstellung zu widerlegen, Untergrundkino sei nichts als eine süffisante Mischung von freizügigster Pornographie, schwüler Exotik und phantastischen Orgien — ein Image, zu dem das Auftreten einiger Filmmacher ebenso beigetragen hat wie eine einseitige Berichterstattung, in Deutschland etwa die nur auf Sex und Sensation getrimmten Reportagen eines Gideon Bachmann. Soll man sich darüber ärgern? Vielleicht ist es nicht die schlechteste Strategie, mit einem Image zu werben, das dem Produkt nicht unbedingt entspricht, das aber Erfolg hat, das heißt in diesem Fall: das die Leute veranlaßt, Filme zu sehen, die wichtig sind, besser als das meiste, was in unseren Kinos läuft. Und deshalb besteht kein Anlaß zur Klage bei der Nachricht, daß die Bertelsmann Tochtergesellschaft Constantin, der größte deutsche Verleih, den ersten AndyWarhol Film in ihr Programm aufnimmt.

 
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