FILMTIPS
„Tausendschönchen", von Vera Chytilova. Ein Film, der die Realität und sich selbst als Realität beispielhaft in Frage stellt. Von den beiden Heldinnen bleibt als Gewißheit nur der Augenschein. Den Zuschauer führen sie ebenso hinters tickt wie die Onkels und Opas, die sich im Film nach ihnen das Maul lecken. Nicht einmal, ob sie Schwestern oder Freundinnen und ob sie normal oder lesbisch sind, erfährt man. Meistens sieht man sie bei der Nahrungsaufnahme — bis ihre blindwütige Futterei vollends in eine Zerstörungsorgie übergeht und sie sich wälzen in Kuchen und baden in Whisky. In die Brüche geht auch das Filmbild als Spiegel der Realität. Was bleibt, sind fragwürdige Muster, zu denen alle Sprache plattgewalzt ist — Wortteppich, Symboltapete. Das Bild gleicht am Rande einem total verwirrten Puzzlespiel — ein Appell an den Zuschauer, mit dem Film, den er da sieht, zu spielen (auch SWF III am 13. Dezember) , „Mouchette", von Robert Bresson „Goto — Die Insel der Liebe", von Walerian Borowczyk. „Italienisches Capriccio", von Vlado Kristl. „Nebula", von Werner Nekes.
„Über den Dächern von Nizza" (1955), voa Alfred Hitchcock, ist Reise, Kriminal- und Sexfilm zugleich. Die unterschiedlichen Motive sind dabei nur verschiedene Aspekte einer Suche, eines Spiels, eines Tausches. Nichts bleibt da mehr sicher. Oder ist eine größere Verunsicherung vorstellbar, als wenn Grace Kelly, kühle Mittelwest Blondine mit Millionenvermögen, den europäischen Meisterdieb Cary Grant beim vermeintlichen Einbruch in ihrem Hotelzimmer erwischt und, während über dem nächtlichen Mittelmeer ein Feuerwerk losgeht, ihm mit obszöner Aufdringlichkeit zusetzt, daß er sie von ihren — Perlen befreit? Hitchcocks Zauberformel basiert auf den diskreten Analogien zwischen Sprache, Warenverkehr und Sexualität — sie enthält freilich mehr Sprengstoff, als sein Feuerwerk ahnen läßt. ZDF am 13. Dezember. „Matchgirl", von Andrew Mayer; „The Sins of Fleshapoids" und „Hold Me While Im Naked", von Mike und George Kuchar; WDF III am 13. Dezember.
Wenn Sie nichts Besseres vorhaben: „Pokerspiel für zwei", von Garson Kanin. Daß es das noch gibt: eine richtige screwball comedy, wie Hollywood sie nicht mehr zustande gebracht hat seit den vierziger Jahren — als Garson Kanin für die Filme von George Cukor mit Katharine Hepburn und Judy Holliday die Drehbücher schrieb. Ihr Witz ist ziemlich zynisch. Ein Vater, Glücksspiel- und Vergnügungsmagnat in Las. Vegas, will seinen Hippie Sohn zu einem ebenso harten business man erziehen, wie er selbst einer ist — mit dem Erfolg, daß ihn der Sohn schließlich ausbootet. Am Anfang und am Ende des Films stehen Wetten. Spiele sind sein Thema und regulieren seine Dramaturgie. Die Witze sind von der Art, wie man sie im „New Yorker" und in „Ever„Katzelmacher", von Rainer Werner Faßbinder „Happening in Weiß", von Günther Sachs. „Bei Bullen singen Freunde nicht", von Ulrich Picard „If ", von Lindsay Anderson „The Wild Bunch — Sie kannten kein Gesetz", von Sam Peckinpah „Der Marshall", von Henry Hathaway.
Lohnt sich nicht: „Venus im Pelz", von Massimo Dellamano. „Der Satan mischt die Karten", von Tony Richardson „Danach", von Richard Lester „Das Schloß in den Ardennen", von Sidney Pollack. „Die Unbesiegten", von Andrew V. MacLaglen.
- Datum 12.12.1969 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.12.1969 Nr. 50
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