Gab "Satan" den Mordbefehl?

Von Alexander Rost

Wir taten alles, was Satan wollte", sagte im Polizeiverhör Susan Atkins, 21 Jahre, ohne Beruf, ohne festen Wohnsitz. Sie ist Zeugin der Anklage im „Mordfall Sharon Täte". Sie war an dem Mord beteiligt. Gemeinsam mit Patricia Krenwirikel, 21, und Charles Watson, 24, war sie am 8. August kurz vor Mitternacht in die Villa der Schauspielerin Sharon Täte eingedrungen; Linda Kasabian, 20, blieb als Wachtposten vor der Haustür, Im Haus wurden getötet: Sharon Täte, 26, Frau des berühmten polnischen Schockfilmregisseurs Polanski (der sich zu der Zeit in London aufhielt); Jay Sebring, 35, ein gutverdienender Friseur; und Voyteck Frykowski, 37, der zuweilen Rennwagen fuhr und zum Prominenten Party Anhang gehörte; und Abigail Folger, 26, Tochter eines reichen Kaffeekaufmanns; am Steuer seines Wagens wurde Steven Earl Parent, 18, erschossen. In Los Angeles ist Mord eine alltägliche Sache. In diesem Fall aber gab es Schlagzeilen in aller Welt: der Namen und der Zahl- wegen — und der Art und Weise wegen, in der gemordet worden war. Parent wurde „kurzerhand umgelegt", wie im Gangsterfilm, die vier anderen gleichsam rituell hingerichtet. Die mit einem Bikini bekleidete, hochschwangere Sharon Täte starb an 23 Messerstichen in Unter- und Oberschenkel, Brust und Rücken. Die Stiche waren symmetrisch angeordnet. In der gleichen Art waren die anderen erstochen oder nach ihrem Tod zerstochen worden. Friedrich Hacker, Psychiater an der Universität von. Südkalifornien, schrieb drei Wochen darauf in einem Memorandum für die Kriminalpolizei: Die Tat müsse „von pseudo religiösen, zeitweise geistesgestörten Tätern als Revanche gegen einzelne oder aus Rache an der Gesellschaft" verübt worden sein. Und so sensationell aufgemacht, so nuancenreich, so widerspruchsvoll im Detail auch das sein mag, was inzwischen aus der nichtöffentlichen Vernehmung in die Zeitungsspalten gedrungen ist — es sieht so aus, als habe der Psychiater recht mit seiner Diagnose.

Hinter allem steht „Satan", der sich auch „Jesus" oder einfach „Gott" und zuweilen „Hymie" nennen ließ; und „Hymie" bedeutet im Hippie Jargon: „Hitler Er war der große Führer, der Befehlshaber, der andere in Befehlsnotstand versetzte und einen wirklichen oder vermeintlichen hypnotischen Einfluß auf seine Gefolgsmänner und mehr noch auf seine Gefolgsfrauen hatte „Hymie" heißt mit standesamtlichem Namen Charles Manson; er ist 35 Jahre alt.

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Sein Lebenslauf liest sich wie ein amerikanisches „Underground" Kapitel. Er wurde als Sohn einer Prostituierten geboren, half seiner Mutter schon mit acht Jahren bei Taschendiebstählen (seine Mutter war sechzehn, als er 1934 geboren wurde). In dreizehn von fünfundzwanzig Jahren saß er in Erziehungsanstalten oder Gefängnissen. Mit Komplexen geladen wie eine Handgranate mit Explosivstoff, kehrte er in die Freiheit zurück", die er sehr bald in Anarchismus verwandelte.

Er ging in die Gesellschaft des geringsten Widerstands: Er wurde Hippie und, von Natur aus intelligent, Hippie Anführer. Anerkannt und bald auch angehimmelt, wurde er der „Jesus" alias „Gott" und eben auch „Satan". In seinen. Einfluß gerieten Mädchen, junge Männer. Man. sagt, sie wären dem singenden, gitarrespielenden, katzestreichelnden Charles Manson unter LSDund hypnotischem Einfluß verfallen: „Seine Augen " Tatbestand aus der Sicht der Polizei: Charles Manson hauste mit einer Hippie Gruppe, die sich bei warmem Wetter nackt tummelte, in einer halbverfallenen Filmranch. In Haigh Ash : bury, dem Hippie Viertel von San Franzisko, hatten die Mitglieder der Kommune sich kennengelernt. Auf der ruinenhaften Ranch des achtzigjährigen Ex Cowboy Stars George Spahn ließen sie sich nieder; zeitweise waren es 63 junge Männer und Frauen. Gruppen von ihnen entsandte Manson zum Mord — offenbar meinte er, mit einzelnen die Gesellschaft töten zu können Kommentar der Psychiater: Man zog sich zurück aus der einengenden, aber auch kontrollierenden Gesellschaft; man bildete die vom Milieu unbeeinflußte, in Wahrheit von Charles Manson diktatorisch regierte Gruppe; und man „explodierte" schließlich. Vom LSD Rausch führte der Weg zum Blutrausch.

„Satan" befahl im Namen von „Jesus", und seine Jünger gingen aus, den satten Sündern das Messer in den Leib zu bohren. Psychiatrisch ist die Sache vielleicht erklärbar. Ein satanisches Nachspiel zum „Fall Sharon Täte" deutet es an: Charles Manson hatte ein Auto gesehen, mit einem Anhänger, auf den ein elegantes Motorboot geladen war; das hatte ihn in Wut versetzt, in Wut gegen die Besitzenden. Wagen und Boot hatten vor dem Haus des Kettenladenbesitzers La Bianca gestanden, der daraufhin samt seiner Frau auf ähnliche Weise wie Sharon Täte und deren Partygäste getötet wurde.

Die Morde scheinen geklärt zu sein. Aber viele Fragen bleiben, und es bleibt auch eine gewisse. Skepsis. Sie richtet sich gegen die amerikanischen Polizeibehörden: Sharon Täte und ihre Gäste, dazu das Ehepaar La Bianca, Hans Habes Tochter und praktisch alle unaufgeklärten Morde im Revier der Mordkommissionein vorf Los Angeles— alles, was „nicht stimmt" im American Way of Aufklärung finden. Alle sind auf der Suche nach dem tatbestandsgerechten Sündenbock. Und da bieten sich die Hippies geradezu an.

Kalifornische Juristen und Gerichtsmediziner werden jetzt viele Fragen zu ergründen haben. „Jesus"? „Satan"? LSD? Hypnose? Hörigkeit pubertärer Mädchen und spätpubertärer junger Männer? Man wird sehen .

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