Geballte Faust und keine roten Fahnen

Die Jungsozialisten rebellieren gegen das Partei-Establishment / Von Sepp Binder

Den linken Arm emporgereckt, die eiserne Faust kämpferisch geballt — so wies Bayerns Nationalheiligtum den linken Weg auf die Münchener Theresienhöhe: Neben der Mammutmatrone Bavaria trafen sich die sozialdemokratischen Junggenossen zu ihrem Bundeskongreß. Auch am Eingang zur Tagungshalle die erhobene Faust: das Versammlungsplakat der Jungsozialisten (Juso) — gerichtet gegen das Partei Establishment.

Behutsam gingen deshalb auch die von der SPD bestellten Tagungshelfer ans Werk. Sie hißten die drei aus Bonn nach Bayern ausgeliehenen roten Parteifahnen lieber im Freien; im Kongreßsaal vermieden sie auf Geheiß der Parteispitze — zum erstenmal in der Jungsozialistentradition — sogar die fernsehwirksamen Buchstaben „SPD". Bis auf einen zarten orangen Schimmer vom Präsidiumstisch erinnerte nichts an die Mutterpartei. Die eingeladene Führungsspitze glänzte durch Abwesenheit „Anderweitige Verpflichtungen" verhinderten das „Gespräch mit der jungen Generation", Nur SPD Geschäftsführer Wischnewski war erschienen und bekam den Zorn der Verärgerten zu spüren. Ein Delegierter: „Gerade der. Das ist eine Provokation Wischnewski — einst mit 39 Jahren noch Bundesvorsitzender der Jungsozialisten, heute treibende Kraft einer formalen Dezimierung der „Jusos" durch Herabsetzung des Höchstalters von mittlerweile 35 auf mindestens 30 Jahre — reizte zum Widerstand. Sein vorgesehenes Referat wurde schon am ersten Tag ersatzlos von der Tagesordnung gestrichen. Ein Angebot zur Sachdiskussion schlug der Parteimanager ab: „Ich halte mich an das, was der Kongreß beschließt. Ich bin ein fairer Mensch " In einem politischen Aufwasch erledigten die „Jusos" die Differenzen mit ihren Alt Funktionären gleich mit. Peter Corterier, vor zwei Jahren in Mainz als Kompromißkandidat zwischen Linken und Rechten auf den Schild gehoben, war längst in Ungnade gefallen. An Vorwürfen gegen den Vorsitzenden mangelte es nicht: Er habe die Jungsozialisten nicht in der Partei vertreten, sondern seinen Vorstandsposten nur als Sprungbrett , für die eigene Karriere benutzt; er sei bei der entscheidenden Sitzung, auf der die Herabsetzung des „Juso" Alters beschlossen wurde, nicht dabeigewesen. Corterier, frisch gebackenes Mitglied des Bundestages, versuchte sich vor dem Kongreß durch eine Rücktrittserklärung aus der Schußlinie zu ziehen. Doch so billig kam er nicht davon: Mit großer Mehrheit wurde er abgewählt. Den Delegierten blieb dadurch sein Rechenschaftsbericht erspart, in dem er über das „Spannungsverhältnis zwischen älterer und jüngerer Generation" und über die „Lust am Konflikt" philosophieren wollte.

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In einer Erklärung warf er später der „linksextremen Mehrheit des Kongresses" vor, sie funk tioniere die Jungsozialisten „zu einem Brückenkopf der APO in der SPD" um. Kongreßpräsident Frank von Auer: „Das ist so dumm, daß wir gar nicht erst drüber diskutieren müssen Und Hans Jürgen Wischnewski ergänzte: „Ich wehre mich gegen Verallgemeinerungen. Die Jungsozialisten haben zum Wahlerfolg der SPD einen hervorragenden Beitrag geleistet " Die Delegierten wandten sich der riesigen Flut von Anträgen zu, die sich nur am Rande mit der DDR Anerkennung, der Ostgrenze und mit Vietnam beschäftigten. Im Mittelpunkt der Diskussionen stand das SpannungsverhUltnis zwischen der SPD und ihrem Nachwuchs „Die Partei spricht zwar viel von Pragmatismus, aber sie weiß anscheinend nicht, was politisch in der Jugend vor sich geht Die Zeit, in der sich die „jugendpolitische Aktivität" in Wochenendseminaren und in Bekenntnissen zur Parteilinie erschöpfte und politische Reife nach den Vorstellungen mancher Alt Genossen beim Plakatekleben erworben wurde, ist vorbei. Aus den kurzen politischen Hosen sind die Parteijunioren längst herausgewachsen.

Die Parteiväter aber halten ihre Söhne politisch und organisatorisch am kurzen Zügel: Die Jung SPD darf zwar ihren Vorstand wählen — sein Amt aber kann er erst nach Bestätigung durch die Bonner Parteibaracke ausüben; die Delegierten dürfen zwar über politische Sachfragen abstimmen — aber die Durchführung der Beschlüsse bedarf der Parteigenehmigung; dem von „Juso"Gremien gewählten, von der SPD eingesetzten und bezahlten Bundessekretär wurde von den Delegierten schon vor Jahren das Stimmrecht aberkannt — auf Geheiß der Partei aber übt er es bis heute aus; die „Jusos" haben keinen eigenen Finanzplan für die von öffentlichen Haushalten bereitgestellten Mittel— so liegt die Verfügungsgewalt nach wie vor bei der Partei „Die Organisationsstatuten lassen uns als Arbeitsgemeinschaft der Partei zwar einen gewissen Spiel, aber keinen politischen Handlungsraum " Lautstarke Proteste hagelte es, als einer der scheidenden Vorstandsmitglieder von den jüngsten Eingriffen der Partei berichtete. Eine bereits vom SPD Vorstand genehmigte, für den Herbst geplante DDR Reise wurde auf Anordnung von Wischnewski abgesagt, ohne den Bundesvorstand der „Jusos" darüber zu informieren. Im Geschäftsbericht liest sich das so: „Wegen terminlicher Überschneidungen kurzfristig abgesagt " Durch Parteitaktik allein war aber in München der laute Ruf nach Eigenständigkeit und die Forderung nach Selbstbestimmung nicht mehr einzudämmen. Die „Jusos" erprobten ihr neues Selbstbewußtsein schon auf der Theresienhöhe. Nachdem die Hostessen der Münchener Jungsozialisten zu Beginn der Tagung an den Parteikontrolleuten nicht vorbeikamen, als eine Schautafel über die politische Nachwuchsarbeit der südbayerischen Gastgeber ebenfalls auf Einspruch der SPD Organisatoren nicht aufgestellt werden durfte und die Informationsstelle nur unzureichend funktionierte, übernahm die junge Linke aus Obermenzing und Unterhaching die Organisationsarbeit — und es klappte.

Auch den Vorwurf, die „Jusos" könnten nur linke Theorien diskutieren, aber nicht in die politische Praxis umsetzen, widerlegten sie gründlich. Sie faßten die über 200 Anträge geschickt zusammen, konzentrierten sich auf die Kernfragen. Eine formulierte Karsten Voigt, der neue Jungsozialisten Vorsitzende: „Wir müssen das Partei Establishment auf kommunaler Ebene durcheinanderwirbeln, da die Kommunalpolitik nur selten unter gesellschaftspolitischen Aspekten verstanden wird " Der 28jährige Voigt kommt aus der evangelischen Jugendarbeit in Hamburg. Als Referent für politische Bildung beim Frankfurter Bund für Volksbildung und als Vorsitzender des SPDOrtsvereins Frankfurt Westend kennt er die theoretische und die praktische politische Arbeit. Gegen Verkehrsminister Georg Leber kandidierte er um ein Bundestagsmandat und erhielt auf Anhieb immerhin rund 35 Prozent der Stimmen. Er wirkt ruhig, beinahe schüchtern. Nicht nur am Rednerpult spricht er gelassen und ohne rhetorische Schnörkel. In seinem grauen Anzug mit rotgestreifte Krawatte entspricht er nicht dem von seinem Vorgänger gezeichneten APO Typ, der angeblich die SPD unterwandert: „Ich bin der festen Überzeugung: Der Konflikt mit der Partei ist weder notwendig noch von Nutzen " Als SPD Geschäftsführer Wischnewski den Kongreßsaal verläßt, blickt er kurz auf das rote Plakat mit der schwarzen Faust. Er verschwindet in seinem Mercedes und fährt in sein Hotel. Im Hatte er noch wenige Minuten zuvor am Biertisch über die jungsozialistischen Genossen den Kopf geschüttelt („Ich versteh das alles noch nicht"), so erinnert er sich jetzt: „Auch ich war einmal ein schwieriger Mann. Und der Ollenhauer sagte damals, als ich Juso Vorsitzender wurde: Um Gottes willen, das auch noch "

 
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