HAIR in der Konjunktursuppe

Wer sich vor drei Wochen am Broadway ver geblich um eine Eintrittskarte für das berühmte Musical „Hair" bemüht haben mag, der wäre ausnahmsweise ein paar Straßen weiter in :dem Luxushotel „Americana" fast ebenso gut auf seine Kosten gekommen.

Es war eine Schauspieltruppe besonderer Art, die hier in einem der großen Ballsäle ein Publikum besonderer Art zu Beifallsstürmen herausforderte: Die „New York Financial Writers schaftsjournalisten — hatte, wie in jedem Jahr, über 3200 Broker, Banker und sonstige Finanzgrößen und Geschäftsleute zu einem bunten Abend eingeladen.

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Die Börsenjournalisten gaben sich selten ausgelassen, und einige von ihnen ließen es sich nicht nehmen, in der Aufmachung von Hippies und nach Melodien aus „Hair" die amerikanische Finanzwelt durch den Kakao zu ziehen. „ When the Dow is in tbe seven hwndreds Also etwa: „Mag der Dow bei siebenhundert sein Den Freunden des Musicals „Hair", die hier eine ihrer Lieblingsmelodien verhunzt sehen, wird sich vermutlich der Magen umdrehen — vorausgesetzt, daß sie wissen, was mit „Dow" gemeint ist —, und ahnen, welche Probleme die Inflation den Amerikanern gegenwärtig aufgibt. Der Dow Jones Index, das immer noch meistbeachtete Konjunkturbarometer, spiegelt die allgemeine Unsicherheit in der Beurteilung der amerikanischen Konjunkturentwicklung am besten wider. Die Befürchtung, daß dieser Index unter die (Widerstands) Grenze von 800 fallen könnte, hat sich inzwischen bestätigt. Am vergangenen Wochenende schloß der Dow Jones Index dreißig führender Industrieaktien mit 793 Punkten und erreichte damit einen neuen Tiefstand.

In der Wall Street machen sich inzwischen auch die größten Optimisten nichts darüber vor, daß da Jahr 1970 ein Krisenjahr werden wird. Die Meinungen der Experten gehen allerdings mindestens in drei Punkten auseinander, nämlich wann diese Krise einsetzen wird, welches Ausmaß sie annehmen wird und wie rasch sie überwunden werden kann.

Zu keiner Zeit noch haben sich derartig viele und unterschiedliche Stimmen mehr oder weniger Berufener zur amerikanischen Wirtschaftsentwicklung zu Wort gemeldet. Es vergeht- fast kein Tag, an dem die Tageszeitungen nicht über die Voraussage eines oder, gleich mehrerer Experten zu berichten wissen Die Experten sparen selbstverständlich auch nicht mit weisen Ratschlägen —- sei es an die Regierung in Washington, sei es an die Federal Reserve Bank (Zentralnotenbank), sei es an die Gewerkschaften, die Unternehmer oder die Verbraucher. Hobart Rowan, ein Finanzkolumnist der „Washington Post", mokierte sich erst kürzlich über das „neue Zeitalter der ökonomischen Professionals", die sich mit Vorträgen in Hörsälen nicht mehr zufriedengeben ud an die vorderste Front der Wirtschaft eilen, um dort für ihre Theorien zu kämpfen.

Jede Wochenzeitschrift, die etwas auf sich hält, glaubt sich einen oder mehrere Wirtschaftsprofessoren „halten" zu müssen. Bei „Newsweek" sind es die Professoren Paul A. Samueison, Milton Friedman und Henry Wallich, die abwechselnd Woche für Woche ihre Weisheiten zur Wirtschaftsentwicklung in eine Kolumne pressen. Dabei scheinen sie ihren ganzen Ehrgeiz dareinzusetzen, sich gegenseitig zu widersprechen, was nicht gerade zur Klärung der Situation beiträgt. Das amerikanische Nachrichtenmagazin„Time" leistet sich seit neuestem gleich acht Experten, die ein Beratungsgxemium für die Wirtschaftsredaktion bilden. Darunter befinden sich so bekannte Nationalökonomien und ehemalige Präsidentenberater wie Heller - Okun, Eckstein und Trifnn. Es dürfte schwerfallen, die Meinungen dieser „Eierköpfe" auf einen Nenner zu bringen .

Völlige Übereinstimmung herrscht gegenwärtig jedenfalls nur in einem Punkt, daß nämlich die Inflation die größte Gefahr für die amerikanische Wirtschaft darstellt und mit allen Mitteln bekämpft werden, muß. Mit welchen Mitteln und in welchem Maße das zu geschehen hat, darüber liegen sich die Experten allerdings schon wieder in den Haaren.

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