Hakenkreuz in Übersee

In der Geschichtswissenschaft zählt es zweifellos zu den Seltenheiten, daß sich das Erstlingswerk eines jungen Historikers als Leistung von hohem Rang erweist. Bei Klaus Hildebrand, Schüler von Manfred Schlenke und Assistent am Historischen Seminar der Universität Mannheim, trifft diese Ausnahme zu. Mit bewundernswerter methodischer Sorgfalt hat er ein weitverstreutes, ungedrucktes und gedrucktes Quellenmaterial ausgewertet und die bisher umfassendste und zugleich tiefschürfendste Studie zur Kolonialpolitik des Dritten Reiches verfaßt. Stil und Aufbau bestechen ebenso wie die Qualität der Darstellung, vor allem der differenzierten, abgewogenen Formulierungen. Mancher Wissenschaftler könnte von dieser gründlichen Untersuchung lernen. Das Forschungsergebnis überzeugt. Der Kolonialpolitik ist im außenpolitischen Denken und Handeln Hitlers und seiner engsten Mitarbeiter ein hoher Stellenwert einzuräumen, trotz mannigfacher Varianten und entgegen zahlreichen bis heute geläufigen Thesen. Ein Ausgreifen der Nationalsozialisten nach Übersee sollte als letzte Etappe des sogenannten „Grundplanes" (etwa nach hundert Jahren) die deutsche „Weltmachtstellung" sichern. Der Verfasser unterscheidet sieben verschiedene Phasen der Kolonialpolitik bis 1945, die miteinander im Zusammenhang stehen; sie spiegeln die jeweilige taktische Lage Hitlers wider. Dabei wird die Wechselwirkung: von Innen- und Außenpolitik in den dreißiger Jahren deutlich, zudem die Rolle der Industrie, der „Traditionalisten" (Schacht und andere) und der nationalsozialistischen „Revolutionäre" (Epp und andere) sowie der Kolonialpropaganda Überhaupt ist der Bogen viel weiter gespannt, als der Titel vermuten läßt.

Nach der Machtergreifung bemühte sich Hitler, Großbritannien getreu seiner Maxime aus den zwanziger Jahren durch Konzessionen oder Sanktionen am europäischen Kontinent zu desinteressieren. Er hoffte, auf diese Weise seinen ursprünglichen Plan verwirklichen zu können, erst das Verhältnis zu England in seinem Sinne „positiv" zu gsiklteri, um sich dann nach Osten zu Xenden. Gleichzeitig aber — auch mitRücksicht auf die konservativen Kreise in Deutschland und in dem Bemühen, sein System nach außen abzuschirmen und als harmlos hinzustellen — tolerierte er die Kolonialbewegungen, die in der Weimarer Republik sehr aktiv geworden waren und sich inzwischen mit den Nationalsozialisten weitgehend arrangiert hatten.

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Je mehr indessen die Erkenntnis wuchs, daß auf diesem Wege das Ziel nicht erreicht werden konnte, desto energischer änderte Hitler seine Taktik. Mitte der- dreißiger Jahre war die Kolonialpolitik mehr oder weniger Mittel zum Zweck, um London gefügig zu machen, zugleich auch Ablenkungsmanöver, um die Annexion Österreichs und der Tschechoslowakei ungestörter vorbereiten zu können. Vorher hatte" der „Führer" durch seinen außenpolitischen Intimus Ribbentrop die Kolonialbewegung, (jetzt: Reichskolonialbund) gleichschalten lassen; das geschah übrigens auch schrittweise mit dem „Volksbund für das Deutschtum im Ausland". Der 193738 eingeschlagene antibritische Kurs ließ erkennen, daß die führenden Köpfe in Berlin kaum noch mit einem Einlenken Londons rechneten. Hinter dem gespielten Desinteresse an der Rückgabe von Kolonien verbarg sich jedoch nach wie vor das Fernziel; das bezeugen die 1938 einsetzenden kolonialpolitischen Vorbereitungen.

Angesichts der weltpolitischen Lage sah sich Hitler im Sommer 1939 gezwungen, seine Prioritäten zu ändern. Jetzt lautete seine Parole: Erst die Situation im Osten militärisch bereinigen, dann im Westen vorgehen. Eine erneute Phasenverschiebung zeichnete sich nach den ersten „Blitzsiegen" 1940 für eine kurze Zeit ab, als nämlich der vorzeitige Aufbau eines deutschmittelafrikanischen Imperiums die Gemüter beherrschte. Aber mit dem bald darauf gefaßten Entschluß, die Sowjetunion anzugreifen und Lebensraum im Osten zu erobern, erhielt das ursprüngliche Ziel wieder absoluten Vorrang. Allerdings schien die Möglichkeit eines späteren Ausgreifens nach Übersee — auch aus strategischen und wirtschaftspolitischen Erwägungen — nicht ausgeschlossen. Freilich: 194142 zerrann dieser Traum; der Krieg im Osten absorbierte alle Kräfte des Reiches.

Die großartige Leistung des Verfassers wird keineswegs geschmälert, wenn wir gegen einige Interpretationen gewisse Vorbehalte äußern. Durch die Konzentration der Darstellung auf einen Aspekt der Außenpolitik läuft der Verfasser verschiedentlich Gefahr, die Kolonialpolitik im Kontext des Ganzen etwas überzubewerten. Gemessen an den beiden Axiomen vom rassenbiologischen Lebensraumimperialismus und der Vernichtung des Judentums war die Gewinnung von kolonialem Ergänzungsraum in Übersee doch nur zweitrangig. Oder um es anders zu formulieren: die beiden erstgenannten Ziele waren unabdingbar. Hierbei handelte es sich um die eigentliche „Mission", für die es „zu leben oder zu sterben" galt. Das dritte Ziel war mehr wünschens- und erstrebenswert oder mußte als Konsequenz nationalsozialistischer Machtpolitik auf lange Sicht „so oder so" realisierbar sein. Aber man konnte auf dieses auch ohne weiteres verzichten, wenn sich die Umstände als stärker erweisen sollten.

wir noch, die vom Verf asser mehrfach hervorgehobenen Unterschiede in den politischen Vorstellungen zwischen Ribbentrop und Hitler in der Kolonialfrage heraus. Diese dürfen nicht immer am ursprünglichen „Grundplan" der zwanziger Jahre gemessen werden, denn von 1933 bis 1938 stand die Außenpolitik viel zu sehr im Zeichen einer „nationalen Friedensstrategie". Hildebrand hätte stärker der Frage nachgehen müssen, wie weit die Ansichten Ribbentrops de facto von Hitlers abwichen, was davon taktischer Schachzug gewesen sein könnte, etwa im Sinne bewußter Irreführung der anderen Seite und zum Test bestimmter Alternativen in Paris oder London. Von einer wirklich eigenständigen Konzeption Ribbentrops kann wohl kaum gesprochen werden.

An manchen Stellen hat der Verfasser des Guten zuviel getan. Bei einer gewissen Straffung des. Stoffes hätte die Arbeit in mancher Hinsicht gewonnen. Einige kleinere Unebenheiten fallen nicht ins Gewicht. Ohne Zweifel haben wir Hildebrand ein neues Standardwerk zur jüngsten deutschen Geschichte zu verdanken.

 
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