Hildegard Hamm-Brücher, Dr. chem.
Frau Dr. Hildegard Brücher, verehelichte Hamm, FDP Mitglied und Staatssekretär im Bundeswissenschaftsministerium, kann — zumindest an deutschen Erwartungen gemessen — mit zwei ungewöhnlichen Merkmalen aufwarten. 1. Sie ist eine der wenigen wirklich emanzipierten Frauen in diesem Staate.
2. Sie erwarb ihren Doktortitel nicht — wie bei Persönlichkeiten des off entliehen Lebens in der BRD üblich — an einer juristischen oder philosophischen Fakultät, sondern an einer naturwissenschaftlichen; sie ist Chemikerin.
Im Februar 1945 promovierte Hildegard Brücher an der Ludwig Maximilian Universität München über das Thema „Untersuchungen an den Hefemutterlaugen der technischen Ergosteringewinnung". Berichterstatter war Geheimrat Professor Dr. H. Wieland.
Hildegard Brücher führte im Verlauf ihrer Untersuchung folgende Versuche durch: 1. Versuch der Hydrierung mit PtOs 2. Versuch der Bromierung 3. Versuch der Darstellung eines kristallisierten Hydrochlorids 4. Versuch der Nitrierung 5. Versuch der Chromsäureoxydation 6. Versuch de r Salpetersäureoxydation 7. Versuch der Anwendung von Aluminiumchlorid 8. Versuch der Schwefelhydrierung 9. Versuch der Selendioxydoxydation 10. Versuch der Pot Dehydrierung im Bombenrohr 11. Versuch der Zinkstaubdestillation 12. Versuch der Dehydrierung mit Palladiumschwarz Den Versuch der Salpetersäureoxydation beschreibt Hildegard Brücher folgendermaßen: „650 mg des Kohlenwasserstoffs und 30 ccm konzentrierter Salpetersäure wurde neun Stunden bei 150 G am Rückflußkühler gekocht. Nach ungefähr zwei Stunden hörte die NOa Entwicklung auf.
Das sattgelbe Reaktionsprodukt wurde im "Wasserbad und dann im Exsikkator getrocknet. Das rohe Oxydationsprodukt wurde solange in der Wärme digiert, bis aus dem zunächst gelben, schmierigen Rückstand ein weites, lockeres, amorphes Pulver geworden war. Der ätherlösliche Teil erwies sich als Ausgangsmaterial.
Das weiße Pulver löste sich unter starker Dunkelfärbung etwas in Natronlauge, beim Ansäuren fielen harte, braune Kügelchen aus. Eine Veresterung mit Diazomethan gelang nicht. Beim Versuch, dieses Pulver durch Sublimation zu reinigen, zeigte sich, daß es sich bei Temperaturen bis 300 G im Wasserstrahlvakuum nicht sublimieren ließ, eine für organische Verbindungen völlig unwahrscheinliche Tatsache " Die Bildungspolitikerin hat gewiß profitiert von diesem früh geübten Zwang zur Nüchternheit. Auch ihre Vorliebe für Zahlen, überhaupt: für Quantifizierbares, ließe sich aus den chemischen Anfängen erklären.
Die Arbeit von Hildegard Hamm Brücher wurde oft unterbrochen durch Fliegeralarm; manche Versuche mußte sie wegen Materialverlusts aufgeben.
- Datum 12.12.1969 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.12.1969 Nr. 50
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