Horten-Aktien: Spekulation mit wenig Risiko

Seit Beginn dieser Woche, meine verehrten Leser, können Sie bei den Kreditinstituten Aktien der Horten AG, Düsseldorf, zeichnen. Insgesamt stehen 2 5 Millionen Stück mit einem Nennwert von je 50 Mark bereit. Die einzelne Aktie kostet 230 Mark. Die Aktien stammen aus dem Besitz des bisherigen Mehrheitsaktionärs und Firmengründers Helmut Horten, als dessen Wohnsitz Madonna del PianoTessin (Schweiz) angegeben wird. Die jetzt zum Verkauf gestellten Aktien stellen mit 125 Millionen Mark die Hälfte des Grundkapitals der Horten AG dar. Um es vorwegzunehmen: Ehe Sie weiterlesen, meine verehrten Leser, greifen Sie zum. Telephon, und bestellen Sie bei Ihrer Bank Horten Aktien! Die Nachfrage ist groß, wahrscheinlich werden die Aktien zugeteilt werden müssen. Außerbörslich wurden die Horten Aktien bereits zum Preis von 275 Mark gehandelt. Am 12. Dezember — so ist der heutige Zeitplan — wird man Ihnen voraussichtlich sagen können, wieviel HortenAktien Sie erhalten haben. Bezahlt werden sie erst am 6. Januar 1970. Das Kreditgewerbe will diese Transaktion, die immerhin 575 Millionen Mark bewegt, nicht noch in diesem Jahr abwickeln. Unruhe auf den Konten der Kundschaft können die Banken nicht gebrauchen. Das Geld ist bei ihnen so knapp wie noch nie.

Helmut Hortens Angebot kam überraschend. Als er im Sommer dieses Jahres 25 Prozent des Aktienkapitals seiner Gesellschaft an die Deutsche Gesellschaft für Anlagenvermittlung mbH, eine Gemeinschaftsgründung der Deutschen Bank und der Commerzbank, veräußerte, deutete noch nichts darauf hin, daß so bald eine Publikumsemission folgen würde. Damals stand nur eines fest: Horten hatte sich mit den beiden Banken darüber geeinigt, daß seine Gruppe, immerhin der viertgrößte Warenhauskonzern nach Karstadt, Kaufhof und Hertie, nicht in ausländische Hände übergehen würde. Man erfuhr auch, daß sich die Banken gewisse Garantien hatten geben lassen, die ihnen ein Mitsprächerecht über die weitere „Verwendung" der im Besitz von Horten verbliebenen Aktien sicherten.

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Sowohl die Deutsche Bank, die an der Karstadt AG eine Schachtelbeteiligung besitzt, als auch die Commerzbank, die mit mehr als je 25 Prozent an Karstadt und an Kaufhof beteiligt ist, hatten ein vitales Interesse daran, daß kein finanzstarker Amerikaner sich im deutschen Warenhausbereich festsetzen würde. Die Aktivität von Singer (USA) bei Schwab in Hanau wird nicht als störend empfunden, zumal dieses Unternehmen immer noch von Schwierigkeiten geplagt wird , Die Vorstände der Deutschen Bank und der Commerzbank lobten im Sommer Hortens „Edelmut", sein Paket nicht an denjenigen verkauft zu haben, der ihm den höchsten Preis bot, sondern dafür gesorgt zu haben, daß es in der Bundesrepublik blieb. Daß ein Teil der jetzt angebotenen Aktien auch in der Schweiz (von der Schweizerischen Bankgesellschaft) angeboten wird, spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle. Hätte Horten seine Gruppe den Amerikanern überlassen, könnte er heute um 100 Millionen Mark reicher sein, sagen die mit dieser Transaktion Vertrauten. Um beurteilen zu können, was die einzelne Horten Aktie wert sein kann, werfen wir einen kurzen Blick zurück. Bis September 1968 war die Horten Firma eine GmbH. Im vergangenen Herbst wurden dann die Vorbereitungen für den Auszug des Inhabers aus der Gruppe vorbereitet, an der er künftig nur noch mit 25 Prozent beteiligt sein wird. Er bleibt auch Aufsichtsratsvorsitzender der Horten AG und nimmt aus dieser Position heraus weiterhin Einfluß auf das Schicksal der Firma.

Zu den Motiven, warum er seine Aktien veräußert, hat sich Horten selbst nie eindeutig geäußert. Sicherlich spielt nicht allein seine angegriffene Gesundheit eine Rolle. Wie es heißt, will er sich das nötige Kapital schaffen, um in den EWG Ländern auf dem Warenhaussektor aktiv werden zu können. Unbestritten ist der Wettbewerb in der Bundesrepublik im Einzelhandelsbereich hart geworden. Neue Handelsformen konkurrieren gegen die Warenhäuser und schmälern ihre Gewinne. Die Zuwachsraten der Warenhauskonzerne werden nur unter erheblichen finanziellen Einsätzen erreicht. Die goldenen Zeiten für deutsche Warenhausunternehmen sind vorüber.

Es Hegt also nahe, daß Horten sich nach Möglichkeiten umsieht, die bessere Gewinne versprechen. Sie liegen dort, wo die Handelsformen noch nicht so modern wie in der Bundesrepublik sind. Wer rechtzeitig in Belgien, Frankreich oder Italien Fuß zu fassen vermag, wird die Sahne dort abschöpfen können. Daß dies mit Risiken verbunden ist, dürfte klar sein. Sie liegen weniger im kaufmännischen als im politischen Bereich. Es ist mutig, wenn Horten jetzt den Kampf aufnehmen will und dabei sein privates Kapital aufs Spiel setzt.

Ein Teil der dreiviertel Milliarde Mark, die Horten durch den Verkauf seiner Aktien erlöst, soll aber weiterhin in der Bundesrepublik „arbeiten". Anzunehmen ist, daß Horten es unternehmerisch in warenhausverwandten Branchen anlegen wird. Vielleicht in Verbrauchermärkten, wo die Zuwachsraten noch immer beachtlich sind, wo aber eines Tages auch eine große Bereinigung stattfinden muß. Denn mancher Markt steht finanziell auf recht schwachen Füßen.

Diesen Hintergrund müssen Sie kennen, meine verehrten Leser, wenn Sie Aktionär bei der Horten AG werden wollen. Verschenkt wird auch hier nichts. Lassen Sie sich nicht durch den hohen Börsenkurs von 275 Prozent täuschen. Solche Kursexplosionen sind üblich, wenn populäre Papiere dem Publikum angeboten werden. Das haben wir bei den VW Aktien, bei den VebaAktien und in diesem Jahr auch bei den IOSAktien erlebt. Der Katzenjammer hat sich jedesmal prompt eingestellt.

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