Ihr Kinderlein schreibet
JEs ist, Freunde, es ist (Die Frage stellen sich neugierig besorgte Literaturfreunde, und das verdrängende Genre, das sie meinen, ist die „dokumentarische Literatur" ) Noch vorgestern, das muß ich allerdings zugeben, hielt ich es für etwas übertrieben, daß bloße Dokumentation so viel Unruhe in meine Regale bringen könne. Doch als ich gestern aufwachte, war die literarische Welt nicht mehr in Ordnung. Das erste, was ich sah, als ich meine Pantoffeln suchte, war dieses neue Genre, gleich dreimal von drei jungen Autoren vorgelegt (Vor mein Bett gelegt — um es dokumentarisch genau zu sagen ) Daß es sich nicht um herkömmliche Literatur handelte, erkannte ich sofort. Konnte der gemeinsame Titel „Wunschzettel" auch noch als schöngeistige Metapher verstanden werden, so erwies sich der Text schon beim ersten Lesen als sprödeste, eindeutigste Dokumentation. Gleich auf der ersten Seite wurde die historische Wirklichkeit mit Wörtern wie BOXHANDSCHUHE, PISTOLE, SÄBEL dokumentiert. Liebgewordene Vorstellungen vom Liebgewordensein und der Bescheidenheit der Bonboaabhängigen werden endlich über den Haufen geworfen. DenEinschüchterungsversuchen der Herrschenden („Wenn Ihr nicht ruhig seid, gibt es nichts zu Weihnachten") setzen sie ein lapidares GITARRE entgegen, und das PONY, das ich in einem der Texte entdeckte, dokumentiert bestimmt auch etwas, und wenn es nur die Einsicht ist, daß sie über meine wirtschaftliche Basis unzureichend informiert wurden.
Daß schließlich die Autoren revolutionär im höchsten Grade sind, zeigt ihre provokante Mißachtung der Orthographie: TEDIBER, SCHLITN, TROMEL, MAHLBUCH — das sind Signale, die den Protest verkünden.
Leider mußte ich wieder einmal erfahren, daß das Neue, das Ungewohnte, mag es auch noch so schockierend sein, von den Etablierten sofort übernommen wird, wenn sie ein Geschäft wit- tern. Ein weiterer Wunschzettel wurde mir zugespielt, aber diesmal. VBA einem Autor vder hinter der scheinbar authentischen Dokumentation die elitäre Fiktion nur notdürftig verbarg. Mochten auch Titel und Aufmachung den flüchtigen Leser täuschen, sein Vokabular entlarvte ihn um so gründlicher: COCKTAILKLEID, SCHMUCK, SKIURLAUB ich las nicht weiter.
Aus Bekanntenkreisen erfuhr ich, daß dieser Schund sogar auf der Bestsellerliste steht.
- Datum 12.12.1969 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.12.1969 Nr. 50
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