Im Schatten Stalins

Zum Tode Marschall Woroschilows

Der alte Mann stieg mühsam die Stufen zur Tribüne empor. Dort, hoch über dem Roten Platz, war seit Jahrzehnten ein Ehrenplatz Im ihn reserviert. Doch diesmal war der Platz besetzt, Er mußte umkehren. So widerfuhr es 1961 dem ersten Marschall der Roten Armee, dem Altkommunisten, dem Revolutionshelden, dei nach Stalins Tod sieben Jahre lang einer Weltmacht präsidiert hatte: Kliment Jefremowitsch Woroschilow.

Acht Jahre danach trugen die ersten Männer des Staates seinen Sarg. Die Kanonen schössen Salut, und Hunderttausende gaben ihm das letzte Geleit. Ander Kremlmauer, unweit des Grabes von Stalin, wurde er zur Ruhe gebettet. Sein Lebenslauf ist reich an zugkräftigen Titeln für Biographien. Vom Bahnwärtersohn zum Staatsoberhaupt, vom kaiserlichen Unteroffizier zum sowjetischen Marschall, vom Partisan zum Verteidigungsminister. Die : ersten Jahrzehnte waren die schwersten. Er; mußte im Bergwerk arbeiten, noch ehe er lesen und schreiben konnte. Der junge Metallschlosser wurde Sozialdemokrat, dann Bolschewist, und das hieß: Verhaftung, Flucht, Verbannung, dann glorreicher Sieg. Als Partisanenführer in der ukrainischen Heimat begegnete er jenen beiden Männern, die das Auf und Ab seines Lebens bestimmen sollten: Josef Stalin und Nikita Chruschtschow.

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Den „braven, dummen Kliment" hat man ihn genannt. Brav wie ein Soldat sein soll, so tapfer wie gehorsam, gewiß. Aber dumm? Gar so dumm kann jemand kaum sein, der unter Stalin und seinen hartgesottenen Nachfolgern achtundachtzig Jahre alt werden konnte, den selbst schwerste Versäumnisse und Niederlagen, die Mitwisserschaft ungeheurer Verbrechen nicht aus dem Sattel warfen. Nur einmal setzte er aufs falsche Pferd: als er sich in den fünfziger Jahren mit Stalins alten Getreuen wider Chruschtschow verschwor, öffentlich mußte er Abbitte tun. Er war ein feuriger Redner, ein kräftiger Sänger, ein Reiter mit Leib und Seele. Aber wie so manchem, der im Felde das Weiß im Auge des Gegners suchte, ermangelte es ihm daheim an einer Tugend: der Zivilcourage. Die Macht hat auch ihn mit den Jahren korrumpiert. Orden, Ehren, Datscha, Villa, Dienerschaft, Waldpicknick mit der Familie Stalin — da fiel es nicht schwer, die Ideale, der- Revolution zu vergessen und tatenlos zuzusehen, ja wohl selber noch Hand anzulegen, als Stalin Zehntausende von Offizieren liquidieren oder verschleppen ließ. Die Süße der Macht, die Bitternis des Sturzes, die Schmach und die Schande — Woroschilow hat sie erfahren. Stalins alte Garde traf ein trauriges Los. Es sind ihrer nicht mehr viele. Einen der letzten, fast schon Vergessenen, sah man jetzt am Grabe wieder: W. M. Skrjabin, genannt Molotow g ff ].

 
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