Jeder nimmt, was er bekommen kann
Wie so oft, läßt sich auch diesmal mit der Statistik alles beweisen: Während im dritten Quartal dieses Jahres die Exportaufträge der deutschen Wirtschaft um 25 Prozent höher waren als im Vorjahr, lagen sie im Oktober, dem ersten Monat nach der Aufwertung, um 14 Prozent über dem gleichen Monat des Vorjahres. Ein Rückgang? Im Vergleich zu den Sommer- und Herbstmonaten ist die Wachstumsrate tatsächlich zurückgegangen. Verglichen mit dem Vorjahr ist dagegen trotz der Aufwertung noch ein kräftiges Plus im Auftragseingang aus dem Ausland zu verzeichnen.
Bei den Exportpreisen scheint sich insgesimt zunächst auch noch nicht viel geändert zu haben. Der Preisindex sank bei den Exportgütern von September bis Oktober nur um ein Zehntelprozent. Die deutschen Verkäufer sahen offenbar zu diesem Zeitpunkt noch keinen Grund, ihre MarkPreise generell zu senken, um den Aufwertungseffekt auszugleichen. Allerdings haben die deutschen Unternehmen auf den Auslandsmärkten sehr unterschiedlich reagiert — je nach Marktlage. einer Periode rascher Kostensteigerungen zusimmen. Weitere erhebliche Lohn- und Preissteigerungen sind in Italien in den kommenden Mcnaten zu erwarten. Deshalb traf die Aufwertung nur wenige deutsche Firmen wirklich hart. Sie bot im Gegenteil vielen einen willkommen Anlaß, Preiserhöhungen vorzunehmen. Sie biauchen dazu nur bei Lieferung den gleichen Rechnungsbetrag in Mark zu fordern wie bisher. Sofern die Firmen nämlich die vor der Aufwertung erhobene Ausgleichsteuer schon in den Preis einkalkuliert hatten — was in den meisten Fällen geschehen ist —, zahlt der italienische Kunde 9 3 Prozent mehr als vor der Aufwertung. Der deutsche Lieferant profitiert dann von "den vier Prozent? der bereits "vü:rher eSrilälkdlierten, jetzt aber in der Bundesrepublik nicht mehr erhobenen Ausgleichsteuer.
Die Konzessionsbereitschaft bei Preisgesprächen ist bei den italienischen Abnehmern durch den „heißen Herbst" mit seinen Streiks und Unruhen sehr hoch. Die Lieferbereitschaft der italienischen Industrie ist zur Zeit empfindlich eingeschränkt. Da die deutsche Industrie verhältnismäßig pünktlich und verläßlich liefert, gelingt es ihr sogar gegenwärtig, trotz der Aufwertung neue Kunden zu gewinnen. Das gilt besonders für Konsumgüter.
"Hart umkämpft sind die Preise dagegen bei gewissen Massengütern und Grundstoffen, zumal wenn einheimische Lieferanten oder Importeure anderer Länder in der Lage sind, billiger zu liefern. Deshalb können deutsche Lieferanten bei manchen chemischen Rohstoffen die Aufwertung nicht ausgleichen, während Pharmazeutika durchweg den Aufschlag erlauben.
Wirklich hart trifft die Aufwertung einen kleinen Kreis von deutschen Tochtergesellschaften in Italien, die ihr Material jetzt teurer aus Deutschland beziehen müssen und in Branchen arbeiten, in denen zur Zeit der Tarifkampf mit den Gewerkschaften am heftigsten tobt. Bei ihnen kommen nämlich zu den Kostensteigerungen von beiden Seiten auch noch Produktionsunterbreckmgen, Mengen- und Qualitätsverlüste durch Streiks sowie passiver Widerstand in den Betrieben. eins im Handel mit den Vereinigten Staaten sind seit vielen Jahren Automobile. Mehr als ein Drittel unserer Exporte nach den USA (Gesamtvolumen 1968 etwa 2 7 Milliarden Dollar) entfallen auf Pkw Exporte.
Mit Abstand größter ausländischer Automobilanbieter in den Staaten ist das Volkswagenwerk. Der Streik der amerikanischen Hafenarbeiter, die wachsende Konkurrenz japanischer Hersteller wie Toyota und Datsun sowie anderer ausländischer Automobilkonzerne führten in den eisten zehn Monaten dieses Jahres erstmals zu erheblichen Absatzverlusten. Vor diesem Hintergrand wird die außerordentlich vorsichtige Preispolitik verständlich, die VW auf dem amerikanisiien Markt betreibt.
„Wir kommen mit einem Preisaufschlag von 2 2 Prozent auf unsere 1970er Modelle aus, wenn der Aufwertungssatz nicht über 6 bis 7 Prozent liegt", hatte Stuart Perkins, der VW Boß in den USA, angekündigt „Die überraschend hohe Aufwertungsrate" zwang jedoch VW kurze Zeit später zu einer „erneuten Überprüfung der Preise, die eine Erhöhung der Listensätze bringen kann". Bis jetzt ist die Entscheidung noch nicht gefallen. Die deutsche Chemie, in den USA in erster Linie durch die drei Farbennachfolger vertreten, betrachtet die Aufwertung mit gemischten Gefühlen. Einerseits entfällt noch immer ein erheblicher Teil des BASF, Bayer- und Hoechst Umsatzes in den USA auf importierte Chemikalien, andererseits sind durch die Aufwertung die Direktinvestitionen „billiger" geworden. Die Übernahme des amerikanischen Chemiekonzerns Wyandotte Chemicals kostete die BASF beispielsweise 95 Millionen Dollar. Die Aufwertung kam zur rechten Zeit, und BASF Vorstandsvorsitzender Timm wies nicht ohne Stolz auf die Einsparungen hin. Andererseits kommen nach Lautenschlager, dem Präsidenten der amerikanischen BASF Corp, „Preisaufschläge angesichts der Konkurrenzsituation bei unseren importierten Erzeugnissen auf keinen Fall in Frage". Diesbestätigen auch die Vertreter anderer deutscher Chemieunternehmen.
- Datum 12.12.1969 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.12.1969 Nr. 50
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