Kein Kunstpreis der Jugend

In Stuttgart demonstrierte man Verweigerung Von Gottfried Sello

Über Sinn und Unsinn von Kunstpreisen kann man endlos diskutieren. Erst war es nur die Prozedur der Preisverleihung, die ins Schußfeld der Kritik geriet, das feierliche Brimborium und die geschwollene Laudatio. Aber die Preise regneten weiter herab, über Gerechte und Ungerechte, und dann wurden die Entscheidungen unter die Lupe genommen. Das Problem kam in ein akutes Stadium, als sich innerhalb der Entscheidungsgremien Unbehagen verbreitete. Juroren übten Selbstkritik, beklagten den Mangel an objektiven Kriterien, um eine künstlerische Leistung zu messen. Fälle wurden bekannt, wo eine Jury sich zu keiner Entscheidung durchringen konnte, weil preiswürdige Leistun gen nicht vorhanden waren oder sich nicht überzeugend und für alle einsichtig aus dem Gros heraushoben. Mb Halbheiten, Verlegenheitslösurigen suchte man sich an einer klaren Stellungnahme vorbeizudrücken. Dabei stehen nicht die großen repräsentativen Staatspreise zur Diskussion, die von den Landern vergeben werden und ein längst anerkanntes Lebenswerk dekorieren sollen. Es geht um die Preise für den Nachwuchs, die Förderungspreise.

In Stuttgart wollte man, müde der endlosen Debatten, einen Punkt setzen. Der Kunstpreis der Jugend wurde nicht vergeben und damit oder statt dessen ein Exempel statuiert. Ein negatives Exempel: Zum erstenmal weigerte sich eine Jury, das zu tun, wozu man sie berufen hatte. Statt der schleichenden Krise der öffentliche Eklat Öffentlichkeit, in der Tat, wurde praktiziert. Während Jurys normalerweise Wert darauf legen, daß die Äußerungen ihrer Mitglieder, Stimmabgaben, Vorentscheidungen hinter schalldicht verschlossenen Wänden stattfinden, wurde in Stuttgart alles an die große Glocke gehängt, zu Protokoll genommen, im Ausstellungskatalog publiziert. Kernsätze, ehemaligen und künftigen Juroren ins Stammbuch geschrieben: „Die Jury ist davon überzeugt, daß die punktuelle Prämiierung von Einzelleistungen und Einzelpersönlichkeiten nicht mehr vertretbar ist " Und: „Die Jury sieht in der Vergabe von Kunstpreisen keine Möglichkeit einer vernünftigen Kunstförderung " Mit solchen Thesen sollten aber offenbar gar keine objektiven Feststellungen getroffen, vielmehr subjektive Oberzeugungen formuliert werden. Und wenn einer von der Unsinnigkeit der Kunstpreisvergabe überzeugt ist, dann sollte er es vernünftigerweise ablehnen, bei einer PreisJury mitzumachen. Aber Gernot Bubenik und Klaus Geldmacher, die beiden Wortführer der Antipreisbewegung, dachten gar nicht daran, auf ihre Jurorenposten zu verzichten, sie waren im Gegenteil mit der festen Absicht nach Stuttgart gegangen, den Kunstpreis auffliegen zu lassen, und das ist ihnen denn auch ohne große Anstrengungen gelungen. Man weiß ja aus den Erfahrungen der letzten Jahre, was eine entschlossene Mikrogruppe gegenüber einer zögernden, von Skrupeln geplagten oder einfach nicht genügend schlagfertigen, diskussionsgewohnten Mehrheit zi leisten vermag. Zehn Studenten sind vollkommen ausreichend, um eine Kunsthochschule lahmzulegen. Nun, ich glaube, die Sieger von Stuttgart haben keinen Grund, über ihren Sieg zu triumphieren. Sie haben zunächst einmal den unmittelbar Betroffenen, nämlich den 380 Künstlern, die sich gutgläubig um den Kunstpreis der Jugend 1969 beworben haben, einen Bärendienst erwiesen. Es ist nicht nur ein taktischer Fehler, es ist unfair, es verstößt gegen die vielberufene Solidarität unter den Künstlern, wenn man erst alle deutschen Künstler zwischen 22 und 32 Jahren zur Teilnahme animiert und nachher das ganze Unternehmen auffliegen läßt.

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Aber Bubenik und Geldmacher haben es bei diesem unfreundlichen Akt gegen ihre Kollegen nicht bewenden lassen. Mit ihrem Protest gegen die herkömmliche Preisvergabe verbanden sie die Absicht, ein neues Modell für den Kunstpreis der Jugend und eine effektive Nachwuchsförderung zu entwickeln. Darüber wurde innerhalb der Jury, im Protokoll nachzulesen, ausführlich diskutiert, und es wurde, um auch nur den Anschein einsamer, also autoritärer Entscheidungen zu vermeiden, ein „Forum" nach Stuttgart einberufen, das Ende November getagt, Beschlüsse gefaßt und bekanntgegeben hat. Die Beschlußfähigkeit dieser Versammlung von Künstlern und Studenten müßte man, wenn man es mit der Demokratisierung im Sinne von Bubenik und Geldmacher ernst meint, anzweifeln. Die Beschlüsse sind eher als Vorschläge zu interpretieren, adressiert an die bisherigen Unterhaltsträger des Deutschen Kunstpreises der Jugend, und sie sollen durch ähnliche Diskussionen in Bochum, Mannheim und Baden Baden, aber auch in den Berufsorganisationen der bildenden Künstler und in den Künstakademien eine breitere demokratische Basis erhalten. Natürlich ist die Zufallspräsenz in Stuttgart oder in Bochum keine ausreichende Legitimation. Aber da eine Zwangsorganisation für bildende Künstler ohnehin nicht existiert und in den vorhandenen Landesberufsverbänden gerade der progressive Teil der Künstler wenig zu melden hat, ist die Frage, wer nun eigentlich für die Gesamtheit der deutschen Künstler zu sprechen befugt und mit der Gegenseite, dem Staat, der Kulturbürokratie zu verhandeln in der Lage ist, vorläufig nicht zu klären. Formalistische Bedenken soll man den Bürokraten überlassen und die Stuttgarter Beschlüsse oder Vorschläge nicht als private Kunstpolitik einer Links AußenGruppe abwerten, sondern unvoreingenommen prüfen, was sie Brauchbares enthalten.

Das Stuttgarter Forum will den Kunstpreis der Jugend nicht etwa abschaffen, die Geldquellen sollen in Zukunft sogar sehr viel reichlieber fließen; statt der bisherigen 10000 Mark denkt man an sechsstellige Summen; Bund, Länder und Städte sollen sich als Unternaltsträger zusammenschließen, um diese Beträge aufzubrinfen. Der Preis soll vielmehr reformiert, und das eißt demokratisiert werden. Darum erster Vorschlag: „Die Unterhaltsträger des Deutschen Kunstpreises der Jugend werden gebeten, den Förderungsbetrag der Gesamtheit der teilnehmenden Künstler zur Verwendung nach eigenen Vorstellungen zur Verfügung zu stellen Was diese eigenen Vorstellungen beinhalten, erfährt man aus den nächsten Absätzen. Der Preis soll nicht mehr einzelnen Künstlern, nach welchen Kriterien und von welchen Gremien immer sie ermittelt werden könnten, zugute kommen, er soll die Gesamtheit der bildenden Künstler bis zum Alter von 40 Jahren fördern. Weiter soll, nach Absatz 3, jährlich eine Zentralausstellung stattfinden. Ihr sollen unjurierte Regionalausstellungen vorangehen. Dabei sollen Objekte (Malerei, Graphik, Plastik), Projekte und Aktionen präsentiert und diskutiert werden. Und die beteiligten Künstler bestimmen dann bis zu zehn Objekte für die Zentralausstellung. Den radikalsten Punkt, der über eine mögliche Reform des Kunstpreises weit hinausgeht, enthält der letzte Absatz der Stuttgarter Protokolle: „Das Forum fordert alle Künstler auf, zukünftig nicht mehr an Wettbewerben und Kunstpreisen teilzunehmen, wenn die Selbstbestimmung der teilnehmenden Künstler nicht verwirklicht ist " Man denkt, wenn man diese Forderungen oder Vorschläge liest, hier habe sich, wie das am Ende von erregten und stundenlangen Diskussionen geschieht, der spontane Ärger von Leuten, die sich immer benachteiligt fühlen und alles satt haben, Luft gemacht. Aber das täuscht. Das Stuttgarter Papier will als neues Modell staatlicher Kunstförderung verstanden werden, es - ist die Konsequenz der vorangegangenen Jurydiskussionen, es rekapituliert die Thesen von Bubenik und Geldmacher, die ja nicht nur für sich selber sprechen, sondern einen wesentlichen, den progressiven, gesellschaftsbewußten Teil der junge ren Künstler repräsentieren, und es manifestiert die ideologischen Schwächen dieser Position: Fehleinschätzung der Realitäten, verschwommene und falsche Vorstellungen von Demokratie und von Kunst und von Kunst in der Demokratie. Man kann darüber diskutieren, nach welchen Kriterien die Einzelleistung beurteilt und prämiiert werden kann. Aber sie mit einem allerdings überholten Geniekult in Verbindung zu bringen (Johannes Gecelli: „Mit der bisherigen Praxis würde man ein Genieprinzip perpetuieren, das nicht zu verantworten ist"), ist eine groteske Verkennung der Tatsache, daß es in der Kunst allemal und gleichgültig, unter welchen gesellschaftlichen Gegebenheiten sie praktiziert wird, auf die Einzeüeistung ankommt. Muß man wirklich noch betonen, daß in der Kunst unter gleichen Bedingungen gerade keine gleichen Leistungen zu erwarten sind? Egalite ist ein wundervolles und utopisches Prinzip, aber im Bereich der Kunst gänzlich irrelevant. Und Kunstpreise, die eine individuelle Leistung honorieren, sind keine westliche oder spätkapitalistisehe Marotte, sondern in sämtlichen sozialistischen Ländern an der Tagesordnung.

Der Vorschlag, am Kunstpreis der Jugend in Zukunft sämtliche Künstler unter vierzig Jahren partizipieren zu lassen, ist, wenn er überhaupt ernst gemeint sein sollte, geradezu das Musterbeispiel einer pervertierten Demokratie und ungefähr genauso sinnvoll wie der Gedanke, diesmal die 10 000 Mark auf sämtliche Einsender zu verteilen — ein Vorschlag, der in der Jury lange ventiliert wurde und nur deshalb nicht zur Ausführung kam, weil er der Satzung des Kunstpreises strikt widerspricht.

Der zweite Kardinalpunkt im Stuttgarter Programm heißt „Selbstbestimmung". Das Recht auf Mitbestimmung wird niemand den Künstlern bestreiten, es wird längst praktiziert. Die Zeiten, wo Entscheidungen über die Köpfe der Betroffenen hinweg autoritär getroffen wurden, sind vorüber, und wo es doch noch passiert, etwa im Bereich der akademischen Ausbildung, bei der Berufung von Dozenten oder bei der Beurteilung von Prüfungs- oder Aufnahmearbeiten, sollen sich Künstler oder Studenten auf ihr Recht zur Mitwirkung berufen. Aber sie sind heute in allen wichtigen Gremien und Jurys dabei, auch notabene in der Jury zum Kunstpreis der , Jugend. Die Forderung nach Selbstbestimmung im Sinne von Alleinentscheidung verrät entweder eine rührend weltfremde Naivität, oder sie ist reine Demagogie. Die materielle Existenz der Künstler, auch der jungen Künstler, basiert auf öffentlichen Aufträgen. Alle Kommissionen in der Bundesrepublik, die solche Aufträge vergeben, sind paritätisch zusammengesetzt, aus Künstlern, Behördenvertretern, Experten. Es ist kein Grund einzusehen, es widerspräche allen demokratischen Spielregeln, dem Auftraggeber zuzumuten, auf sein Recht zur Mitwirkung zu verzichten.

Die Stuttgarter Jury hat sich demonstrativ geweigert, den Kunstpreis der Jugend, der 1969 für Malerei ausgeschrieben war, zu vergeben. Sie hat sich aber dazu verstanden, die mit dem Kunstpreis verbundene Ausstellung durchzuführen. Es wäre konsequenter, und es wäre für die beteiligten Künstler besser gewesen, wenn sie das nicht getan hätte. Diese Ausstellung ist erstens ein Torso, nur 14 Arbeiten von 5 Künstlern wurden für würdig befunden, öffentlich präsentiert zu werden; um den Raum zu füllen, bekam jedes Jurymitglied das Recht, zwei weitere Künstler zu benennen, so daß jetzt im Württembergischen Kunstverein 51 Werke von 21 Künstlern zu sehen sind. Und diesem Ausstellungstorso gelingt zweitens der Nachweis, daß dieser Jury objektive Kriterien für die Auswahl nicht zur Verfügung standen. Was auch nur von fern nach gesellschaftlichem Engagement aussah, wurde in die Ausstellung aufgenommen. Wolfgang Schröder beispielsweise malt riesig vergrößerte Kitschbilder, womit er sich nach Ansicht der Jury mit der als Kitsch verteufelten „KaufhausKunst" solidarisiert, um die Fragwürdigkeit derzeitiger Beurteilungssysteme zu verdeutlichen. Was dabei herauskommt, ist immer noch Kitsch. Wenn man schon einseitig eine bestimmte und keineswegs dominierende Tendenz in der heutigen Malerei präsentieren will, dann sollte man sie wer, gteils mit guten Beispielen belegen.

 
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