Kein Leisetreter
Wuppertals neuer Bürgermeister — ein neues Profil Düsseldorf
Mit sich selbst und seiner manchmal eifersüchtigen Umwelt uneins, fuhr Johannes Rau nach Bonn, half dort dem wegen Grippe seiner Frau, vereinsamten Hausherrn beim Abendbrotmachen und setzte sich artig zu Tisch. Auch diesmal gelangte der 38jährige Rau zu greifbaren. Ratschlägen, denn sein Gegenüber schöpft aus der Fülle eines bewegten Lebens und ist zudem mit seinen 70 Lebensjahren dem jungen Mann aus Wuppertal väterlich freundschaftlich zugetan — Bündespräsident Gustav Heinemann. Rau und Heinemann kennen sich aus gemeinsamer Arbeit für die evangelische Kirche und haben in parteipolitischer Notzeit, als sie der leblosen GVP auf die Beine helfen wollten, Vertrauen zueinander gefaßt wie Vater und Sohn. Zu dieser GVP Familie gehörten auch Posser, jetzt Landesminister im Kabinett Kühn, Eppler, Bundesminister unter Willy Brandt, und Willi Sinmecker, führender Abgeordneter im NordrheinWestfalischen Landtag, in dem Rau seit drei Jahren die SPD Fraktion führt. Inzwischen ist er auch Mitglied des sozialdemokratischen Bundesvorstandes, und von dieser Plattform aus plädierte und kämpfte Rau schon im Herbst 1968 für die Wahl Heinemanns zum Bundespräsidenten, während andere noch ebenso leidenschaftlich für Carlo Schmid, Heinz Kühn oder Georg Leber hinter der Vorstandsbühne stritten.
Für den gelernten Buchhändler und Synodalen begann damals die Zeit, sich außerhalb heimatlicher Gefilde zu profilieren, und es hieß, bald werde er Bundesminister sein, vielleicht auch Generalsekretär der SPD, oder aber Landesminister oder Intendant des Westdeutschen Rundfunks. Schließlich rief Hessens Premier Osswald nach dem ruhelosen Rau. Dort sollte er das Kultusressort übernehmen. Zur allgemeinen Verblüffung unternahm jedoch der empfindsame wie mißtrauische Junggeselle mit obligaten Heiratsanträgen einmal monatlich genau jenen Schritt, den keiner erwartet hatte: Er ging die Ehe mit seiner Heimatstadt ein, wurde kürzlich mit 50 von 55 Ratsstimmen zum Oberbürgermeister Wuppertals gewählt.
Zurück zu den Quellen seiner Kraft? Oder vorwärts im Geiste der Eisenhower Armee, die keinen Angriff ohne massive Unterstützung aus der Etappe einleitete? Vor allem gegen den letzten Vergleich wehrt sich Rau, denn den Krieg voll Phosphorregen und Bombenhagel kann ein Wuppertaler wie ein Hamburger oder Dresdner , nie vergessen. Den Pazifisten steht er darum nahe, und es unterstreicht sein Jugenderlebnis im nachhinein, wenn Raiu, so im Frühjahr geschehen, als erster den Universitäten zur wissenschaftlichen Friedensforschung riet. Könnte er wählen, etwa zwischen Heilsarmee und Bundeswehr, der eigenwillige Johannes würde sich für das erste entscheiden; doch sollte niemand glauben, er lebe etwa von den Mehlspeisen der Quä"ker, er sei Sektierer oder Leisetreter. Rau kann kämpfen und fällt nicht um.
Die Freundschaft mit Günter Grass trug ihm die Offerte zum Streitgespräch mit Radikalen ein, und als Rau sein Einverständnis signalisierte, präsentierte die Gegenseite, es war lange vor Gründonnerstag 1968, Rudi Dutsdike. In einer von Tausenden überfüllten und aufgewühlten Halle des Ruhrgebietes zeigte der verschmitzte Sozialdemokrat Freund und Feind, welch glänzender Debattierer und Streiter er ist. In Rau erblicken auch ergraute Taktiker den jungen Fuchs, der so schnell in keine Falle geht und auf verschlungenem Spannungsfeld Parlament—Landesregierung alten Hasen gern ein Schnippchen schlägt. In der Doppelfunktion, Oberbürgermeister in Wuppertal und Fraktionschef im Landtag, wird er nicht zwischen, sondern auf den zwei Stühlen sitzen, die ihm mehr Unabhängigkeit gegenüber der Regierung erheißen. Horst Werner Harteit
- Datum 12.12.1969 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.12.1969 Nr. 50
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