Kunstkalender
Junge Generation: „Alexis AkrithaJäs" Fabriken, Tempel, Mauern, ein Hafen, im Bilderbuchstil, lustig anzuschauen, Pop Art mit griechischer oder türkischer, orientalischer Folklore, der landschaftliche Hintergrund besteht aus einem engen Netz verschlungener Ornamente. Die Bilder sehen wie surrealistische Werbeplakate aus für Reisen, die nicht ins moderne oder antike Griechenland, sondern in einen imaginären Orient führen sollen. Der junge griechische Maler ist in diesem Winter Gast des Berliner Künstlerprogramms. ner Gesellschaft: „Alex Colüille" Malerei aus der amerikanischen Provinz. Colville lebt in Sackville in Kanada, einer Stadt, „klein genug, um verständlich zu sein". Er pflegt und kultiviert das Trivialgenre, Notizen vom Nachbarn, der Mann an der Tankstelle, die Frau mit dem Terrier, gleich rund gerahmt fürs Erinnerungsalbum, das Mädchen auf der Landstraße („stop for cbros"J. Oder „Mondund Kuh", das Thema trieft geradezu von Sentimentalität, silberner Vollmond über nachtschlafendem Land, magisch spielt das Licht auf den Flanken der ruhenden Kuh. Und jetzt passiert das ganz Unwahrscheinliche: Die Stimmung wird wie Luft abgepumpt, und was übrigbleibt, ist extrem nüchtern. Verismus, Sachlichkeit wären noch zu schwache Vokabeln für diese Provinzmalerei, die das Gegenteil von oinserm Worpswede beispielsweise darstellt. Bei Colville sieht alles aus, als ob es mit dem Kleenextuch abgewischt wäre, staubfreie Natur. Die Faktizität dieser Bilder fordert beim ersten Blick den Vergleich mit der Photographie heraus, der sich als ein Irrtum erweist; die Farben sind in pointillistischer Manier aufgetragen, durch eine geringfügige Verschiebung der Perspektive wird eine Situation hergestellt, die dem Augenschein widerspricht, die sich durch keinen Kameraschwenk erreichen läßt. Die ausgestellten Zeichnungen geben einenHinweis, wie diese angeblichen Schnappschüsse zustande kommen. Das Bild ist ein Planquadrat, die Positionen der Gegenstände und Figuren werden berechnet und ins Koordinatensystem eingetragen. Mit Colville wird in Europa eine Spezialität amerikanischer Malerei bekannt, die bis in die 60er Jahre nicht gefragt war, die auch in Amerika ignoriert wurde. Heute wird sie enorm geschätzt, die Bilder von Colville kosten rund 50000 Mark. Und Colville ist kein Einzelfall. Er steht in einer Tradition, die sich auf Edward Hopper, auf Sheeler und Spencer und weiter zurück ins 19. Jahrhundert auf Winslow Homer berufen kann — amerikanische Präzisionisten. Gottfried Sello Friedrich: „Robert Riman" Roy Lichtensteins „Little Big Painting", als ironischer, überdimensionaler Pinsel(seiten)hieb auf Action Painting intendiert, hat malerische Aktivität von der Art Rymans gleich mitparodiert, falls die Verfahrensweise, Flächen mit breiten „brush strokes" — jahreszeitgemäß weiß in weiß — zu bedecken, überhaupt parodierfähig ist. Die in grauen Urzeiten vielleicht einmal als heroisch empfundene Geste der Zurücknahme des komplizierten Prozesses der Bildherstellung auf den „acte gratuit" des spontanen Pinselapergus wirkt heute als hilflos unverbindliche Ersatzhandlung: ein derartiges Ais Ob, das durch Minimalakzente Struktur vortäuscht, führt nur weiter in die wohlbekannte Sackgasse hinein. Die Prostitution des Malvorgangs ist allmählich abgeschmackt. Es hilft auch nicht weiter, Fiberglasplatten in mehreren Arbeitsstufen mit weißer Farbe zu beschichten — im Endeffekt sieht es doch aus wie handgeschöpftes Büttenpapier. Ohne zu den Parteigängern Werner Haftmanns zu gehören, scheint mir angesichts solcher Manifestationen des Dilettantischen doch die Zeit gekommen, die Avantgarde vor sich selber in Schutz zu nehmen; betrüblich genug, daß eine „progressive" Galerie derlei für diskussionswürdig hält, die Begriffsverwirrung macht Fortschritte. Es gibt intelligentere Methoden, die Malerei zu ruinieren. Helmut Schneider liche Kunsthalle: „Gerhard Altenbourg" Die erste große Altenbourg Retrospektive, rund 200 Arbeiten aus den Jahren 1947 bis 1969. Altenbourg hat sein ursprüngliches antisoziälrealistisches phantastisches Konzept ohne wesentliche Änderungen beibehalten bis zu den wundervollen Miniaturen von 196869. Die Ausstellung geht weiter nach Hannover und Düsseldorf.
lerie Michael Hertz: „Renata Guttuso" , : Bilder und Zeichnungen aus den letzten zwei Jahren, mit politisch aktueller Thematik: das große Revolutionsbild oder giornale murale, die monumentale, mit veristischen Details und Symbolismen durchsetzte Chronik der Pariser Maiereignisse, und „Studentenprozeß" 1969. Dazu Alttestamentarisches, Lots Töchter und Lots Weib, sowie eine „Vertilgung Sodoms"; der angedeutete Sowjetstern soll ein Hinweis sein, daß mit Sodom die spätkapitalistische Gesellschaft gemeint ist.
- Datum 12.12.1969 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.12.1969 Nr. 50
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