Laudatio auf Preußen

Zwölf Porträts, eine Chronik, davor ein JEssay / Von Alexander Rost

Wolf gang Venohr (Hersg ): „Preußische Porträts"; Christian Wegner Verlag, Hamburg 1969; 303 Seiten, 20 — DM Was an Preußen war (oder gar:) ist zu loben würdig im Rückblick auf jenen gefallenen Staat, dessen Bevölkerung sich nie so „preußisch", gefühlt hat, wie die Bayern „bayerisch" oder die Hanseaten „hanseatisch" waren und zum Tel noch sind? „Eine Laudatio wäre unpreußisch", schreibt Wolf gang Venohr auf der ersten Seit; seines Essays in diesem Buch. Doch der Satz steht nicht als Punctum da, sondern gleichsam als Doppelpunkt.

Es folgt ein Dutzend Seiten, auf denen mit Preußen gerechtet und über Preußen gerichtet wird, wobei an Rechtfertigung kein Mangel herrscht. Dieser Essay schon macht das Buch lesenswert. Es folgen zwölf Porträts von Männern, in denen Preußen sich, auf welche Art auch immer, personifiziert hat. Es folgt schließlich eine nicht nur auf Datum und Faktenstichwort beschränkte Chronik, ein aber auch in keinem Nebensatz abschweifendes Tatbestandsstenogramm preußischer Historie. Die Leinwandgrundierung, auf der die Porträts gemalt sind, wird hier deutlich.

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Es wurden porträtiert: Friedrich der Große (de? hier also nicht zum „Zweiten" degradiert ist) von Bodo Scheurig, Heinrich von Kleist von Gösta von Uexküll, Karl Freiherr vom und zum Schoeps, Otto von Bismarck von Sebastian Haffner, Helnwth von Moltke von Wolfgang Venohr, abermals von Sebastian Haffner.

Über die Auswahl der Autoren mag man streiten; aber selbst die schwierigste Aufgabe, das Porträtieren des hundertmal porträtierten Wilhelm II, wird von Sebastian Haffner, diesem verbiesterten Preußen, gut gelöst. Die meisten Autoren sind Preußen in Liebe aller Nuancen bis hin zur Haßliebe verhaftet.

Über die Prononcierung darf man streiten. Um nur ein Beispiel zu nennen: nach Rudolf Augsteins profund Ärgernis erregender Arbeit über Friedrich den Zweiten sollte feststehen, daß zwar nicht der König, doch seine Größe negativ zu beurteilen ist.

Über die Zusammenstellung der Porträts muß man streiten. Daß eine Frau in diesem Dutzend fehlt? Nun, das war Preußen. Daß in der Reihe der Größen nicht ein Alltagspreuße steht, ein Grenadier Schulze oderV besser noch, ein Gutsarbeiter Kaludrigkeit? Solche Frage sei als Provokation der in Archiv- und Seminarstaub schürfenden Geschichtsforschung aufgeworfen. Daß man diesen oder jenen hätte hinzunehmen sollen? Der Zwang zur Beschränkung imBuch, dem ein Zwang zur Beschränkung in den Fernsehsendungen voraufging, gibt die Antwort darauf; dazu sei angemerkt, was selbst im Klappentext verchwiegen wird: daß dieses Buch eben aus einer Sendereihe entstanden ist. Das erklärt manche Schwächen, und das begründet seine Stärke, die im „Bildhaften" liegt.

Doch hätte man nicht an Stelle von Kleist, des preußischen Teutonen, (was seine Polit Dichtung betrifft), eher über Kant schreiben müssen, den ersten Preußen, der Preußen — gleich nach dessen Start in die Peripherie der Weltgeschichte — überholte und zur republikanisch weltbürgerlichen An- und Absicht vorstieß? Ist der Reichsfreiherr vom und zum Stein nicht eher ein Alibi für Preußen als dessen Ausdruck? Und darf man Treitschke, der Preußisches so selbstverständlich zu Nationalistischem aufblähte, außer achtlassen? Wer Preußen in zwölf Porträts fixieren möchte, errichtet damit eine Walhalla oder ein Wachsfigurenkabinett; wer aber zählt zum Dutzend? Man könnte darüber streiten, bis dieses Buch zum An den Kopf Wurf Gegenstand wird. Jedenfalls waren die Männer, die hier porträtiert sind, exemplarische Preußen.

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