Londons unheilige Allianz

Linke und Rechte gegen den EWG-Beitritt London, im Dezember

Nach Den Haag", sagte ein europafreundlicher Londoner Abgeordneter, „können nur wir Briten selber noch den Beitritt zur EWG verhindern Darin werden ihm die Gegner dieses Beitritts sicher zustimmen. Sie haben sich am Rande des europäischen Gipfelgesprächs recht lebhaft betätigt: Sie sind überhaupt weitaus aktiver, als die Befürworter einer britischen Teilhabe am Gemeinsamen Markt. Sie haben es auch leicht: Sie wissen, wie ihr Ziel aussieht. Die Pro Europäer dagegen können der Nation im Augenblick weder das Datum noch :die Bedingungen noch die Konsequenzen eines Beitritts nennen.

Die Propagandaerfolge der britischen EWGGegner sind erstaunlich. Sie haben es binnen weniger Monate fertiggebracht, einer klaren Mehrzahl der (Umfrage )Briten die Behauptung zu entlocken, Großbritannien solle demEuropamarkt fernbleiben. Solche Befragungen sind von mehreren Instituten veranstaltet worden und führen neuerdings stets zu den etwa gleichen unerfreulichen Resultaten. Diese offenkundige Diskrepanz zwischen offizieller Politik und verbreiteter Wählerstimmung verheißt nichts Gutes. Wie haben die „Anti Marketeers" das zuwege gebracht? Ein Grund für ihren Erfolg ist, daß sie ihre Kampagne mit handgreiflichen Argumenten führen. Während in den frühen 60er Jahren viel gegen den „katholischen Klub" der sechs EWG Staaten geredet wurde, gegen die „greisen Abendländer" wie Adenauer und de Gaulle, deren Animositäten gegen das Inselreich bekannt waren, ist davon jetzt kaum noch etwas zu hören. Noch 1962 glaubte die Tory Partei, ihren überwiegend protestantischen Anhängern in einer Broschüre versichern zu müssen, die römischen Verträge hätten nichts mit dem Vatikan zu tun, sondern seien rein zufällig in der italienischen Hauptstadt unterzeichnet worden. Geblieben ist die direkte Frage nach dem Preis, genauer gesagt: nach dem Anstieg der britischen Lebenshaltungskosten für den Fall des Beitritts. Die unhailige Allianz, die sich aus Männern der Labour Linken und der Tory Rechten gebildet hat, ist nun sicher, auf dem rechten Weg zu sein. Nicht mehr das politische Gewissen des aufrechten und traditionsbewußten Briten ist die Zielscheibe, sondern das Haushaltsgeld seiner Frau. Die Zahl der weiblichen Beitrittsgegner ist höher als die der männlichen. Darauf konzentriert sich jetzt die Kampagne. Wenn indessen die Frage gestellt wird, was die Alternative zum EWG Eintritt sei, gerät die Phalanx ins Wanken. Manche, darunter der ehemalige Labour Handelsminister Jay, glauben an eine Freihandelszone aus EFTÄ, Commonwealth und USA. Andere befürworten ein angelsächsisches Dreieck London Washington Ottawa. Die ganz Selbstbewußten treten für den britischen Alleingang ein.

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Die Pro Europäer, sofern sie sich neben Regierung und Parteispitzen organisiert haben, wirken dagegen wie gelähmt. Die offizielle Politik dagegen kann im entscheidenden Punkt, dem der künftigen Lebenshaltungskosten, keine genauen Voraussagen machen. Wie soll sie auch wissen, was 1971 oder 1973 das Europa Steak kostet. Was sie weiß ist nur, daß es sinnlos wäre, im Vorfeld eines britischen Wahlkampfes irgendwelche Zahlen zu nennen und damit den Beitrittsgegnern neuen Anlaß zu düsteren Prognosen zu liefern. Karl Heinz Wocker

 
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