Mit Ben Witter

Ja", sagte er, „da sagten die zu mir: Mach mal Interviews, aber nicht die üblichen; geh mit den Leuten spazieren. Kein Schreibtisch, kein Tonband, frische Luft, freimütige Rede Ben Witter geht etwas nach vorn gebeugt, hält den Kopf ein bißchen schief. Manche seiner Sätze kommen sozusagen um die"Ecke. Wir gingen einmal um den Häuserblock, in dem unsere Redaktion sitzt, an der Endstation des Fahrstuhls, ein bißchen hoch.

„Sie sind ein=Müßiggänger", sagte ich. Er sagte: „Ach, ein paar Jahre lang. Ich mag das nicht, in hoher Etage sitzen, ich fühle mich, parterre ganz wohl Ein paar Jahre lang hatte er einmal in der Woche im Norddeutschen Rundfunk aus seinem „Tagebuch eines Müßiggängers" vorgelesen. Die unbanalen Betrachtungen des Banalen, Geschichten vom angeschwemmten Hut oder vom Wald zum Abschließen, wurden dann sein erstes Buch.

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Ich sagte: „Sie sind ein Reporter zu Fuß. Das ist heute selten Er schritt etwas schneller aus. Ich sagte: „Damals hatten Sie großen Ärger. Sie hatten in der Welt die Reportage aus dem Leichenkeller des Hamburger Hafenkrankenhauses geschrieben. Von den Kindern, die von der britischen Militärpolizei beim Kohlenklauen erschossen wurden. 1946 war das. Ich habs viel später gelesen. Inzwischen hatten wir wieder Ärger!" Ben Witter sagte: „Welcher Unterschied im Ärger Da waren die Briefe gekommen: „Und lesen wir in der ZEIT Herrn Ben Witter. Bitte " schaffen Sie diesen Herrn ab Oder: „Bei dem Niveau Ihres Blattes Oder: „Möchte ich bemerken, daß Herr Witter hier entschieden zu weit gegangen ist "Und so weiter und so fort. Und da kamen die Briefe: „Möchten wir Ihnen einmal sagen, daß der Beitrag von Ben Witter wieder das beste " „Ich sagte: „Sie haben einmal einen Kurzgeschichtenpreis der- New York Herald Tribüne erhalten. Und für dieSpaziergänge den TheodorWolff Preis Er sagte: „Preise treffen blindlings Ich- sagte: „Ich war ganz froh darüber. Wenn eine Jury etwas für gut befindet, eine Gruppe unterschiedlich urteilender und sich doch einigender Journalisten, das ist wie ein Blitzableiter, der Mißgunst einzelner Kollegen ableitet:"Ben Witter sagte: „Ichbin Journalist Ich sagte: „Ge- schenkt" —, über Jour- | nalistenintrigen sagten wir nichts weiter. Ben Witter hat Freunde, und Feinde. Die Feinde sind ! lauter.

Als er zum ersten Male seine FrischluftGespräche, mit Carl Friedrich v. Weizsäcker, auf unseren Redaktions- tisch gelegt hatte, schrieben, wir darüber: „Spä- , ziergänge mit Prominen- , ten Beim zweiten stri- """ dien wir „mit Prominenten"; das Wort ist so regenbogenprassehaft blöd. Es folgten „Spaziergänge (II)" bis „Spaziergänge (XXV)". Es kamen Briefe, die bösen, netten, lobhudelnden, wütenden. In der Redaktionskonferenz wurden wir gefragt: „Wie lange geht er denn noch?" Ich sagte: „Eine Weile ", , Wir gingen zurück zum Fahrstuhleingang. Ich sagte: „Man hat Sie parodiert Er sagte: „Danke für das Kompliment Ich sagte: „Ich habe Ihr Sagte Sagte eigentlich immer redigieren wollen; aber dann dachte ich an meinen Deutschlehrer in. der Untertertia: Wiederhole kein Wort! Ich hatte den Mann nie leiden können Ben Witter sagte: „Sagen ist besser als meinen, erwidern, entgegnen, zustimmen; und man liest doch immer wieder Sätze, die nicht gesagt, sondern gelächelt wurden " Ich sagte: „Ja, der Doppelpunkt machts möglich Er lächelte: „Ich weiß, Sie geben Stilfreiheit Ich sagte: „Der Diogenes Verlag hat Ihre Spaziergeh Gespräche jetzt als Buch herausgebracht, ein bißchen lieblos; aber vielleicht sollte mans, nicht Lieblosigkeit sondern Selbstverständlichkeit nennen, broschierter Umschlag, Titelblatt, Text, basta Er sägte:" „Tuf mir leid, daß da in der Anmerkung auf die Hamburger Wochenzeztsc? DIE ZEIT hingewiesen wird und nicht auf die Wochenz£#g Ich sagte: „Vielleicht sind wir selber ein bißchen schuld daraa. Aber, Sie sind Journalist Das Buch heißt „Spaziergänge mit. Prominenten", alphabetisch geordnet von Rudolf Augstein bis Carl Zuckmayer (185 Seiten, 12 80 Mark).

Wir gingen zum Fahrstuhl. Ich drückte auf den Knopf. Der Leuchtpfeil „abwärts", der Leuchtpfeil „aufwärts"; ich sagte: „Wiedersehn " Ben Witter ging. Ich fuhr hoch. Auf unserem Redaktionsschreibtisch lagen die fünfundzwanzig Spaziergänge. Ich fing an, sie wieder zu lesen. Dann setzte ich mich an die Schreibmaschine: „Spaziergänge (P S )", post scriptum. Ben Witter ist unterwegs, Männer und Frauen der Kirche zu interviewen, nicht am Schreib, sondern am Eßtisch. Jede Woche kommen ein paar Briefe „Das Niveau Ihres Blattes Und: „Hat IhrHerr. Ben Witter überhaupt nicht begriffen daß " Ein halbes Dutzend Verlagslektoren hat angerufen: „Wir sind an dieser Sache von Ben Witter sehr interessiert In der nächsten Redaktionskonferenz werde ich sagen: „Ben Witter geht weiter - Alexander Rost 1

 
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