Paradiesträume
Die Menschheit hat in der gegenwärtigen Phase des wissenschaftlich technischen Fortschritts zum erstenmal in ihrer Geschichte die nahezu vollständige Verfügungsgewalt über ihre Zukunft erlangt. Welche Aufgaben ihr daraus erwachsen, wird in dem diskussionswertien Beitrag von vorgezeichnet. Die Menschheit muß diese Verfügungsgewalt verantwortlich denkend und handelnd an sich nehmen, denn ein sich selbst überlassener Prozeß des wissenschaftlich technischen Fortschritts würde zu Katastrophen noch nicht gekannten Ausmaßes führen: die drohende Hungersnot in der Dritten Welt; die Labilität des Gleichgewichts zwischen Staaten, deren militärisches Potential so immens ist, daß es weder zu einem Angriffs- noch zu einem Verteidigungskrieg brauchbar ist; der ohne einschneidende Planung unvermeidliche Energie- und "Wassermangel; schließlich der gewaltige Bildungsrückstand vieler Nationen, die einer breitangelegten Grundbildung dringend bedürfen — all diese Faktoren erfordern eine extensive und intensive Planung politischen, ökonomischen und sozialen Handelns. Es ist eine paradoxe Situation: Mit steigender Rationalität in einzelnen Bereichen wächst zugleich die Irrationalität des Ganzen. Die positiven Wissenschaften sind nach wie vor in dem naiven Glauben befangen, man solle machen, was man machen kann; statt zu fragen, was notwendig ist, bleiben sie fasziniert von dem, was möglich ist. Geblendet von dieser Faszination merken die positiven Wissenschaftler in aller Regel nicht, daß selbst die ihnen sichtbaren Möglichkeiten schon das Resultat interessenbedingter Selektionsprozesse sind: Die „hochentwickelten Staaten betreiben mit der linken Hand die wissenschaftlichtechnische Revolution und unterdrücken mit der rechten Hand den politischen und gesellschatV lichen Fortschritt den realen Möglichkeiten wissenschaftlicher Technologie stehen archaische Grundformen politischer Ordnung gegenüber. Ob man verhungert, weil man heilige Kühe füttert, oder ob man seinen Wasserbedarf nicht decken kann, weil man den Ehrgeiz hat, auf den Mond zu fahren, macht nur einen geringen Unterschied " In dieser Kritik am positivistisch halbierten Rationalismus des arbeitsteiligen Wissenschaftsbetriebs kann ich Picht voll zustimmen. Leider schlägt seine Kritik zuweilen selber in einen Irrationalismus um, der ihm die Basis seiner Kritik am Bestehenden unter den Füßen wegzieht. Wenn es, um Picht zu zitieren, „eine Beleidigung der Vernunft ist, ein Subventionssystem aufrechtzuerhalten, das uns veranlaßt, auf der einen Seite des Mitteimeeres in Butterbergen zu ersticken, wahrend auf der anderen Seite des Mittelmeeres die Hungerkatastrophe ihren Gang nimmt", ist es dann nicht auch eine Beleidigung der Vernunft, einesteils einen Weltzustand zu fordern, in dem vernunftgemäßes Handeln möglich ist und anderenteils eine Rätedemokratie als „verlorenes Paradies unmittelbarer personaler Bezüge abzuqualifizieren? Manfred Wetzel
- Datum 12.12.1969 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.12.1969 Nr. 50
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