Ruhig - aber städtisch wohnen

Pastor Stein hatte als erster einen Namen: „Beatpastor". Beatpastor Stein war auch der erste, der Anlaß für einen anderen Namen war: für „Steins Beatles". Steins Beatles hatten Zorn auf sich gezogen, weil angeblich sie es waren, die die Nachbarn des Fürstenwalder Weges um den Schlaf gebracht haben.

Die neue Umwelt jedenfalls hatte, ihren ersten Krach. Und da die Nachrichten aus dem Märkischen Viertel in Berlin noch warm wie frische Semmeln waren, schien so etwas wie eine Mannheimer Analogie heraufzuziehen:, der Stadtteil Vogelstang, ganz neu noch und erst halb fertig, mit viel mehr Kindern, als erwartet, mit Jugendlichen, die für die Freizeit vorerst nur die Straßen hatten, und mit mehr Baustellen als fertigen Einrichtungen für die Allgemeinheit, kurzum: Der Stadtteil Vogelstang barg für die Pessimisten manches Böse und war am Ende doch beinahe besser als sein ohnehin schon guter Ruf — als der Ruf, ein Beispiel für die sogenannte zweite Phase des westdeutschen Nachkriegswohnungsbaues zu sein in dem viel mehr als sonst und anderswo bedacht worden war und sogar gelungen ist. Die „Neue Heimat Baden Württemberg" kann sich den stilisierten Vogel auf der Stang (worauf früher in dieser Gegend die Schützen schössen) als Verdienstorden anheften.

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Der Jugend Eklat am Fürstenwalder Weg gehört zur kurzen Geschichte dieses Stadtteils. Zwar meldete das Blatt des „Gemeinnützigen Bürgervereins Mannheim Vogelstang e. V. 1966", das „Vogelstang Echo", schon bald: „Mammutkonferenz nach dem Raüsschmiß —jetzt tanzen sie wieder", aber das Symptom bleibt: Planer denken an alles, doch eben an das Wichtigste manchmal nicht.

Was hatte sich mit dem „Club Experiment" Zugetragen? „Plötzlich", so erzählt Pastor Paulus Stein, vorher sechs Jahre Jugendpfarrer und im sozialen Metier außerordentlich erfahren, „plötzlich kamen Vierzehn- bis Siebzehnjährige zu mir, eine große Gruppe, fünfzig Leute, die wollten irgendwo ihren Platz haben Zum Glück gab es ;alte Bebauung", die sich auf einem rechteckigen Grundstück schräg in das neue Viertel schiebt, und gottlob war keines der etwa fünfundzwanzig älteren Häuser abgerissen worden. So fand Pastor Stein, was er brauchte: einen Keller, 170 Quadratmeter groß, fünfhundert Mark für Miete und Reinigung monatlich. Er erwies sich als ideal. Jungen und Mädchen machten aus der Katakombe einen „Beatschuppen", was sonst -mit Diskothek, nannten ihn „Club Experiment" und wählten den Geistlichen zum Oberleiter.

Der Pfarrer, der so zum „Beatpastor" gemacht wurde, war schon frühzeitig in das neue Siedlungsgebiet gezogen, das fünf Kilometer von der City Mannheims entfernt am Nordwestrand des Stadtgebietes liegt und sogar noch ein bißchen größer ist als die alte, vom holländischen General und Festungsplaner Menne von Coehorn geometrisch gegliederte, von einer Ringstraße halbrund eingefaßte City von Mannheim. Das Terrain dort draußen mißt vierzehnhundert mal tausend Meter, also ungefähr 144 Hektar. Von den zwanzigtausend Menschen, die hier einmal in den fünfeinhalbtausend Wohnungen leben werden, ist bisher etwa gut die Hälfte eingezogen. Im September, kurz vor den Bundestagswahlen und fast genau fünf Jahre nach der Grundsteinlegung durch Kurt Georg Kiesinger, war der notwendigste Teil des geplanten Stadtteil Zentrums, das Einkaufzentrum, eröffnet worden: mit zweitausend Luftballons, tausend Bällen und mindestens einem Sack Bonbons, sowie mit einer liebenswürdig schwärmerischen Rede Carlo Schmids auf die „Piazza, wo die Menschen zu sammenkommen, über Dinge reden, die alle angehen". Ob es auf ihn zurückgeht oder nicht, Vogelstang wählte SPD (67 2 Prozent; CDU 26 3 und FDP 1 9 Prozent).

Zusammenzukommen und über Dinge zu reden, die alle angehen oder wenigstens die Interessen bestimmter sozialer Gruppen, war indessen nicht allen leicht gemacht, den Jugendlichen zum Beispiel nicht, die zwar, bald ihre Schule hatten, aber nicht wußten, was sie danach und nach Feierabend machen sollten. Daß ihrem Betätigungs- oder Ablenkungsdrang im Sozialwohnungs Zuhause (auch auf der Vogelstang) eher Bremsen angelegt werden, braucht man nicht zu erwähnen; daß die Schule den Ruf scheut, nicht bloß Lehr, sondern auch Vergnügungslokal zu sein, ist auch (noch) klar — wohin also? Also standen sie eines Tages vor dem Pastor Stein, und der hatte die Idee mit dem Keller, und der sorgte auch für die Realisierung. Der „Club Experiment" jedenfalls bekam einen Ruf, der bis nach Alt Mannheim erscholl und jugendliche Gäste anzog. Die Fremden indessen hielten sich gern vor dem Keller auf und machten Krach — eben jenen Krach, der den Kellerwirt Willy Gehrig veranlaßte, den Mietvertrag zu kündigen, Hals über Kopf. Doch in einer bemerkenswerten „Mammutkonferenz", wie das „Vogelstang Echo" schrieb, einigten sich Jugendamt, Polizei, Stadträte, Bürger verein sowie Lehrer und Eltern: Der Keller bleibt geöffnet, die Eltern, an ihre Verantwortung erinnert, gingen auf Patrouille.

Fröhlich schrieb die Zeitung: Es „rotieren wieder die Schallplatten der nagelneuen Diskothek. Alle Stühle in den holzverkleideten Nischen sind besetzt. Leuchtbänder lassen die phantasievollen Wandbemalungen aufleuchten, auf der Tanzfläche wogt und zuckt es, der Beat aus den Lautsprechern taucht alles in Musik, Rhythmus, Schlagzeugstakkato".

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