Scheherezade aus der DDR

IrmtraudMorgnersBräutigamswerbung / VonWolfgang Werth

Um das Herz des Königs zu gewinnen, der schon das Todesurteil über sie gesprochen hatte, unterhielt ihn Scheherezade mit Märchen. Der Erfolg blieb nicht aus. Nach tausendundeiner Nacht hatte die Erzählerin den düsteren Sinn des Herrschers geläutert. Er hob das Urteil auf, nahm die Mutter seiner Kinder zur Frau und lebte mit ihr „noch viele Jahre in Glück und Freude, bis ihn der Tod überraschte, mit dem alles Irdische endet".

Nach dem orientalischen Rezept, das sie (ferien)zeitgemäß modifizierte, ist die sechsunddreißigjährige DDR Autorin Irmtraud Morgner in ihrem ersten Roman verfahren — Irmtraud Morgner: „Hochzeit in Konstantinopel"; Carl Hanser Verlag, München; 249 S , 16 80 DM.

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Es ist ihr viertes Buch und das erste, mit dem sie sich auch im westlichen Staat deutscher Nation vorstellt.

Ein banaler Fall wird munter verhandelt: Bele H, eine junge unkonventionelle Frau, versucht Paul zu gewinnen — den Mann, den sie und der sie heiraten will. Das Aufgebot ist schon bestellt. Aber Bele ist nicht um jeden Preis auf die juristische Bindung erpicht, ihr geht es vor allem um die menschliche, und damit hapert es. Denn Paul, ein strebsamer junger Physiker, findet vor lauter Arbeit kaum Zeit fürs Private. Von vorehelichen Flitterwochen fern von Ostberlin erhofft sich Bele die notwendige Annäherung. Als Teilnehmer einer Reisegruppe mit gruppenerhaltendem Sammelvisum fahren sie für drei Wochen in ein jugoslawisches Adriastädtchen, wo sie sich dem — mit Planfehlern — organisierten Urlaubsbetrieb entziehen, allerdings auf höchst unterschiedliche Weise. Bele badet, sonnt sich Und durchstreift das von ihr Konstantinopel getaufte Städtchen und seine Umgebung (die Schilderungen dieser Ferienwelt bleiben merkwürdig farblos), Paul indessen betrachtet den Urlaub als willkommene, Gelegenheit zu ungestörter Arbeit. Er verhockt den größten Teil der Tage in seinem Zimmer, wälzt Bücher, rechnet, entwirft Formeln — beseelt und besessen von der Idee, eine wissenschaftliche Großtat zu vollbringen und ein Anrecht auf Nachruhm, „die materialistische Variante der Unsterblichkeit", zu erringen. Beles Verständnis setzt er voraus: „Er glaubte, daß sie ihn liebte, weil er ein begabter "Wissenschaftler war Aber: „Sie liebte ihn, weil er ein begabter Liebhaber war. Gedanken hatte sie notfalls selbst " Bele sieht nicht ein, warum gerade er und warum er gerade jetzt Probleme lösen muß, die er zu anderer Zeit oder die ein anderer ebensogut lösen könnte. Wissenschaftliche Arbeit erscheint ihr, anders als poetische, vertagbar und übertragbar: „Den Tell konnte nur Schiller so lustig schreiben, aber der Formel m = v X c sieht man nicht an, daß sie von Einstein stammt " Solchen Argumenten gegenüber ist Paul jedoch taub, und Bele wiederum ist zu klug, als daß sie ihre Ansprüche schmollend und lamentierend erhöbe. Sie versucht, Pauls Arbeit „eine ebenbürtige, das heißt nicht vergleichbare, mithin gleichberechtigte Erfindung entgegenzustellen". Sie erzählt dem Strebsamen Geschichten — phantastische Begebenheiten, Erinnerungen, zum Beispiel an ihre sächsische Großmutter, Träume, Märchen, Parabeln — damit er sie in ihren Worten erkenne und ihr die gebührende Aufmerksamkeit schenke. Aber der Erfolg der Scheherezade bleibt ihr versagt. Bele beklagt sich deswegen nicht, zieht aber, für Paul überraschend, Konsequenzen. Die beiden kehren nach Berlin zurück. Pauls Vorgesetzter holt sie am Flugzeug mit dem Wagen ab, um sie schnell zum Standesamt zu bringen. Eile ist geboten, weil Paul noch am selben Abend an Stelle eines erkrankten Kollegen zu einem Kongreß nach Budapest fliegen soll (und will); deshalb wurde die Hochzeit am letzten Tag in Konstantinopel vorgefeiert. Aber nun will Bele nicht mehr. Sie steigt im wahrsten Sinne des Wortes aus, nämlich aus dem Auto, winkt sich eine Taxe heran und entschwindet Pauls und des Lesers Blicken.

Liegt es vielleicht nur an der mangelnden Qualität von Beles Geschichten, daß Paul nicht zu bekehren war? Seine Ungerührtheit wäre durchaus verständlieh, hätte er der Geliebten nicht als Liebhaber, sondern als Literaturkritiker zuzuhören gehabt. Denn das, was Irmtraud Morgner durch ihre Protagonistin fabulieren läßt, ist zwar oft ganz hübsch, mitunter sogar recht witzig, aber keineswegs umwerfend. Für sich genommen, ohne die Funktion, die sie im Buch haben, wären die meisten dieser Geschichten ziemlich belanglos.

Aber dieser Mangel erweist sich im Buch fast als ein Vorzug. Er macht Bele als Figur glaubhafter. Denn die Geschichten ersetzen Handlung. Bele ist Heldin des Romans, weil sie als Erzählerin auftritt. Erst wenn sie den Mund auftut, gibt sie sich zu erkennen. Was immer sie fabuliert, dient nicht in erster Linie der Verständigung über das jeweilige Sujet, sondern ist vor allem Hinweis auf das Subjekt, die erzählende Person. Bele stilisiert sich nicht, sondern offenbart Paul durch Art und Auswahl ihrer Geschichten ihre Eigenheiten, ihre Phantasie, ihre Lebensfreude, ihren Witz. Weil sie dabei nicht „literarisch" wird, weil sie — anders als ihre Erfinderin — nicht mehr will, als ihren Zuhörer durch Unterhaltsamkeit zu gewinnen, bleibt die Identität zwischen der Bele, von der in der Rahmengeschichte erzählt wird, und der Bele, die selber erzählt, gewahrt. Nicht Beles begrenzte Kunstfertigkeit, sondern Pauls Taubheit ist die Ursache dafür, daß der Hochzeit in Konstantinopel keine Ehe folgt.

In einer Nachbemerkung teilt Bele stellvertretend für Irmtraud Morgner mit, ursprünglich habe sie das ganze Buch in Ichform geschrieben. Auf Anraten des Lektors wurde die Rahmenerzählung objektiviert. Diese Information verrät, daß der zunächst als Urlaubstagebuch konzipierte Roman autobiographischen Hintergrund hat. Die „natürliche" Übereinstimmung zwischen der Figur und Frau Morgner erklärt, warum die Bele Geschichten so wohltuend unverstellt wirken. Aber der Rat des Lektors war äußerst nützlich. Erst durch die Abgrenzung der beiden Erzählebenen ist aus dem persönlichen Zeugnis ein auch formal recht gelungenes Buch geworden, denn erst dadurch bekam der Rahmen eine wichtige Funktion. Er ist weder eine entbehrliche Einfassung noch auch ein fadenscheiniges Alibi für die Aneinanderreihung einer beliebigen Anzahl disparater Geschichten, sondern einer der beiden notwendigen Pole, zwischen denen das Erzählfeld entstehen konnte.

 
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