Sex und Etikette
Dtember die Lage deutscher Sektkellereien trefflich zu schildern: „Die Großen werden größer; die Kleinen tun sich immer schwerer Was der Graf und Generalbevollmächtigte der traditionsreichen Sektkellerei Kupferberg damals nicht weiter betonte, wurde im November deutlich: Auch die Großen tun sich schwer.
Der Hamburger Tabakkonzern Reemtsma tat sich, mit der Sektkellerei Carstens (bekannteste Marke: „SC") so schwer, daß man den Angriff auf dem moussierenden Markt stoppte „Die Rendite", so erfährt man in Hamburg, „ist derart schlecht, daß es sich für uns nicht mehr rentier ! Was man wohl so interpretieren darf: Carstens steckt in den roten Zahlen. So verkauften die Hamburger 50 Prozent ihrer Sekttochter an die Henkells (der vierten Generation) aus Wiesbaden Bieberich.
Die Hamburger hatten für das in der Branche bislang einmalige Ereignis einer Großfusion noch einen anderen Partner zur Wahl: den Bielefelder Backpulverspezialisten Oetker.
Wie Reemtsma, so hatte auch Oetker Ende der fünfziger Jahre die von traditionsbewußten Mittelständlern beherrschte Sektbranche entdeckt. Oetker operierte mit seiner Sekttochter „Söhnlein Rheingold" weitaus erfolgreicher als Reemtsma — zumindest, was den Marktanteil angeht. Die Oetker Kellerei (bekannteste Marke: „Söhnlein Brillant") avancierte zur zweitgrößten der Branche und setzte schon- an, den Spitzenreiter Henkell („Rüttgers Club" und „HenkellTrocken") zu überrunden.
Mit der Reemtsma Entscheidung gegen Oetker und für den Branchenersten bleibt es den Henkells nun erspart, ihre Spitzenposition, die sie seit 1905 erfolgreich verteidigten, zu räumen. Und Remtsma erspart es sich, mit einem Konkurrenten Hand in Hand arbeiten u müssen. Denn auf dem bundesdeutsche!] B riermarkt machen sich die Bielefelder Backpulvefspezialisten und die Hamburger Tabakexperten Marktanteile streitig.
Daran - daß Sekt sich „nicht mehr rentiert", hat die Reemtsma Tochter Carstens in der Vergangenheit kräftig mitgewirkt. 1963 versuchte Reemtsma, die mittelständische Konkurrenz mit einem neuen Konzept aus dem Rennen zu werfen — der Markensekt „SC" sollte zum „Volksgetränk" umstilisiert werden „Das war sensationell für damalige Begriffe" — so CarstensGeschäftsführer Schlee.
Die Sensation waren der Preis von unter sechs Mark, eine stark rationale, produktbezogene Werbung und der Vertrieb über den Einzelhandel. Die Konkurrenz reagierte auf die Reemtsma Sensation zunächst mit Wettbewerbsprozessen und dann mit eigenen „Volksmarken". Oetker stillte den Volksdurst mit „Söhnlein Brillant", und Henkell beteiligte sich mit „Rüttgers Club" an dem vielversprechenden neuen Geschäft.
- Datum 12.12.1969 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.12.1969 Nr. 50
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