Sisyphos als Zuchtmeister
Citius — Aitius — Fortius = Schneller — Höher — Stärker lautete bereits die olympische Devise des Pierre de Coubertin, obwohl der französische Baron alles andere als ein Leistungssportler heutiger Provenienz war. Mit seinem schwärmerischen Reformeifer erwies er sich als echtes Kind seiner Zeit, die sich nicht nur im Lebensgenuß der belle epoque erschöpfte, sondern verführt durch die stürmische wissenschaftliche und industrielle Entwicklung auch einem kritiklosen Fortschrittsglauben huldigte, 1889 wurde der höchste Turm der Welt in Paris errichtet, und dort wurde auch die Parole Schneller — Höher — Stärker geboren, die bald zum kategorischen Imperativ der Athleten wurde und heute, über ein Menschenalter später, in ihrer Auswirkung zur Zerreißprobe des menschlichen Organismus zu entarten droht. Der Rekord frißt seine Kinder.
Wie exakte Untersuchungen zeigten, nimmt das Tempo der Verbesserungen der sportlichen Höchstleistungen geradezu unheimlich zu, immer rascher purzeln die Rekorde. Eigentlich sollte man das Gegenteil erwarten, da doch jene Grenze, die einmal ein gebieterisches Halt bedeutet, näher heranrückt.
Fragt man, wodurch diese immer rapider verlaufenden Leistungssteigerungen hervorgerufen werden, so bleibt, abgesehen von neuen „Techniken", nur das immer unerbittlicher und härter werdende Training, das immer länger währt und dadurch immer mehr Reserven ausschöpft und immer stärker an die Belastungsgrenzen des menschlichen Organismus herankommt. Di tägliche Trairiingsfron erreicht in manchen Übungen, vor allem in solchen, die im Deutschen das Epitheton „Kunst" tragen und besondere Geschicklichkeit erfordern (Kunstturnen, Eiskunstlauf, Kunstspringen und so weiter), heute schon vier bis fünf Stunden. Solange wurde vor drei bis vier Jahrzehnten nicht einmal in einer ganzen Woche trainiert. Die Trainingssumme hat sich in vielen Disziplinen gegenüber jener der dreißiger Jahre verzehnfacht! Die täglichen Trainingsstrecken der Ausdauersportler von Weltklasse betragen bei den Schwimmern bis zu 14 Kilometer, bei den Läufern 25 Kilometer und bei den Straßenrennfahrern über 100 Kilometer. Aber auch die Kraftsportler müssen sich heute im Training ächzend und schweißtriefend fast bis zur Erschöpfung plagen. Reine Folterkammern, mit , wahren Marteyapparaten sind als Kraftstationen" zu ihrer Galeere geworden. Nur für jene Leistungssportler, die bei ihrer kurz dauernden Übung mit „anaerober Energie", also praktisch ohne den Sauerstoff der Atmung auskommen, wie etwa die Sprinter, sind noch nicht zum Sisyphos geworden. Aber auch bei den Kurzstrecklern dürfte die maximale Schnelligkeit mit etwa 42 Kilometer pro Stunde kaum noch überboten werden können und weitere Verbesserungen nur durch ein gesteigertes Durchhaltevermögen, was wiederum ein größeres Trainingspensum erfordert, ermöglicht werden. Die chemische und die pharmazeutische Industrie sorgen mit Kunststoffen und Drogen für weitere Höchstleistungen Über die Aufputschmittel hinaus wird bereits in das StofFwechselgeschehen eingegriffen und mit Hormongaben der Athlet manipuliert. Uns interessieren hier die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen der Anpassunj des Menschen an diese extremen Belastungen.
In der allgemeinen Meinung stand lange das Herz in diesem Prozeß der Anpassung an immer höher geschraubte Leistungen als besonders ge fährdet im Mittelpunkt des Interesses. Aber gerade dieses Organ, das manche Religionen mit einem magisch mythischen Glanz umgaben, erwies sich als viel anpassungsfähiger als selbst die Kliniker bis dahin annehmen konnten. Seine Adaptationsmöglichkeit ist geradezu unglaublich. Ein Beispiel möge es deutlich machen.
Mit Hilfe bestimmter röntgenologischer Verfahren kann am Lebenden die Volumengröße des Herzens bestimmt werden; neben den Herzdurchmessern in drei Ebenen fließt dabei noch ein Faktor in eine Formel ein, bei dem das Herz als Ellipsoid beziehungsweise Paraboloid aufgefaßt wird.
Bei der Normalperson, die als sportlich untrainiert gelten kann, beträgt das Herzvolumen in der Regel zwischen 700 und 800 ccm, wobei die extremen Schwankungsbreiten noch erheblich größer sind. Das größte Herz, das bisher röntgenologisch ermittelt wurde, gehört dem belgischen Weltmeister im Straßenrennfahren, Rik van Steenbergen, es ist mit mehr als 1600 ccm über doppelt so groß wie ein Normalherz! Aber nur die Ausdauersportler besitzen solche Riesenherzen, Sprinter und jene Kraftsportler, deren „Arbeitszeit" nur nach Sekunden dauert, haben normal große Herzen.
In dieser eklatanten Herzvergrößerung der Ausdauersportler sehen wir heute keinen pathologischen, sondern einen regulativen Vorgang. Die Pumpe des Kreislaufs wird dem stark erhöhten Bedarf entsprechend vergrößert und damit die auszuwerfende Blutmenge erheblich vermehrt. Die Gefährdung des Herzens liegt also nicht, wie oft angenommen wurde, in der dauernd steigenden Belastung, sondern, wie die sportmedizinische Praxis lehrt, in Infekten wie eitrigen Fokalherden, deren Toxine auf den Herzmuskel einwirken, wodurch die Reservekräfte aufgezehrt werden können.
- Datum 12.12.1969 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.12.1969 Nr. 50
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