Auch in Bonn machte man sich jetzt Sorgen um Studienplätze
Der Numerus clausus verspricht zum neuen Treibsatz der Bildungspolitik zu werden. Auch Bonn befaßt sich endlich mit der Tatsache, daß die Zulassungsbeschränkungen an den Hochschulen von der Ausnahme zur Regel geworden sind. Der bildungspolitische Ausschuß des Bundestages hatte in der vergangenen Woche eine Reihe von Experten zu einem öffentlichen Hearing gebeten; die CDUCSU Fraktion hat eine große Anfrage zum Numerus clausus eingebracht, so daß dieses Thema auch im Plenum des Parlaments zur Sprache kommen wird. Zugleich will die Union, durch Änderung des Grundgesetzartikels über die Gemeinschaftsaufgaben von Bund und Ländern, auch den Aus- und Neubau der Fachhochschulen und pädagogischen Hochschulen in die gemeinsame Finanzierung und Planung einbezogen und die dafür zur Verfügung stehenden Gelder binnen drei Jahren von 200 auf 600 Millionen Mark jährlich verdreifacht sehen. Als Ziel werden mindestens 100 000 Studienplätze im Fachhochschulbereich bis 1975 anvisiert.
Freilich, bevor der Mangel bewirtschaftet and dann allmählich abgebaut werden kann, muß erst sein Ausmaß festgestellt werden. Präzise Zahlen fehlen noch immer. Insofern glich das Hearing im Bündestagsausschuß, das Frage- und Antwor tspiel zwischen den Abgeordneten und den Vertretern des Wissenschaftsrates, der Rektorerikonferenz, der Assistentenkonferenz und der Arbeitsgemeinschaft deutscher Studentenschaften einem Offenbarungseid. Aufnahmekapazität und Kapazitätsdefizit der Hochschulen sind vage Größen. Sie genauer zu umreißen, wäre der erste Schritt.
Der zweite, so erfuhren die Parlamentarier, könnte darin bestehen, die Tätigkeit der zentralen Registrierstelle für Medizinstudenten auf andere, von Zulassungsbeschränkungen betroffene Disziplinen auszudehnen. Auf diese Weise ließen sich wenigstens die vorhandenen Studienplätze optimal ausnutzen. Der dritte Schritt schließlich wäre, neben einer allgemeinen und kräftigen Erhöhung der Hochschulinvestitionen, die Einrichtung eines fast ausnahmslos aus Bundesmitteln gespeisten Fonds für zusätzlichen Bedarf: eine Art finanzieller Feuerwehr, wenn die Errichtung dringend notwendiger Bauten und Lehrstellen an der Erschöpfung der Etats zu scheitern droht. Am Ende blieb der alte Eindruck: viele vernünftige Ansätze, aber noch, immer kein Gesamtkonzept. Allerdings zeichnet sich, nimmt man das Hearing und den Vorstoß der CDUCSU zusammen, deutlich ab, wohin die Reise in den kommenden Jahren gehen wird. Die künftige Entwicklung läßt sich in drei Punkten fixieren, nämlich: 1. Der Einfluß des Bundes auf die Hochschulpolitik wird sich weiter verstärken; dies schon deshalb, weil JL die finanzielle Atemnot der Länder wächst und der Bund immer häufiger einspringen muß, so daß das Dogma von der Beteiligung zu jeweils 50 Prozent weiter abgebaut werden wird. Hinzu kommt schließlich 3 daß die gemeinsame Finanzierung und Planung aller Hochschulen dem Gedanken der Gesamthochschule weiteren Auftrieb geben wird.
Am meisten war im Hearing davon die Rede, daß rasch und unbürokratisch geholfen werden müsse. Das Wort „Sofortprogramm" fiel oft. Ob unter diesem Aspekt der Vorschlag der Union, dem Bund qua Verfassungsänderung auch im Fachhochschulbereich die Teilhaberschaft einzuräumen, die beste Lösung wäre, begegnet vielen Zweifeln. Die Prozedur - einer Grundgesetzänderung ist langwierig. Viele halten dafür, daß bei einer großzügigen Auslegung der Verfassungsklausel sofort die Ärmel hochgekrempelt werden können. Wahrscheinlich wird man das eine tun, ohne das andere zu lassen: pragmatisch vorgehen und die Verfassung ändern.
Carl Christian Kaiser
- Datum 12.12.1969 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.12.1969 Nr. 50
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