Tanz auf tausend Eiern

NINA GRUNENBERG: Ministerpräsident Heinz Kühn zeigt Bund und Ländern, was eine Harke in der Hochschulpolitik ist. Das war die erste Reaktion auf Ihre Ankündigung, nach der Nordrhein Westfalen bis 1975 acht neue Hochschulen, gründen will und dreizehn Fachhochschulen, Endlich, so denkt man, wird Hochschulreform einmal nicht nur als Strukturreform verstanden, sondern als Quantitätsproblem. Man fragt aber auch: Warum wurde dieses Programm erst jetzt in Angriff genommen, warum nicht schon vor fünf Jahren? HEINZ KÜHN: Ich glaube, man muß die Dinge in der richtigen zeitlichen Entwicklung sehen. Wir, die SPD, haben in der Opposition begonnen, vom Bildungsnotstand zu reden. Damals trat uns in Nordrhein Westfalen der CDUMinisterpräsident entgegen und erklärte: „Einen Bildungsnotstand gibt es nicht, das ist eine Dramatisierung der Situation Und als Picht von der Bildungskatastrophe sprach, da ist die CDU hochgegangen, und der damalige Ministerpräsident Meyers sagte: „Ich bin nicht erpicht auf Herrn Picht Damals hatten wir noch genug damit zu tun, das Bildungsbewußtsein der Leute zu wecken. Damit hatten wir einen Erfolg, mit dessen Auswirkungen wir jetzt fertig werden müssen. Es ist eine Abiturienten- und Studentenlawine in Gang gekommen, die wesentlich größer ist, als wir jemals gedacht haben. Nun ging die Opposition her und hielt uns vor, wir hätten keine Vorstellungen, wie wir damit fertig werden wollen. Daraufhin habe ich dieses Programm vorgelegt, das ein Teil aus unserem Fünfjahresplan ist, den wir im Frühjahr vorlegen werden. Dieser Plan ist ein Versuch, auf allen Gebieten der Landespolitik mit einem Maximum an Transparenz deutlich zu machen, was in der nächsten Legislaturperiode verwirklichungsnotwendig und finanzierungsmöglich ist. Das ist eine Absicht für die nächsten fünf Jahre, falls wir am 14. Juni 1970 wiedergewählt werden. Ich habe zwar die jüngsten Befragungsergebnisse auf dem Tisch liegen .

Und wie hat die SPD abgeschnitten? KÜHN: Bilderbuchschön. Aber ich habe meinen Leuten gesagt, es gibt keinen Sieg, man hätte ihn denn. Man muß um jeden Sieg kämpfen. Wir haben bei den Kommunalwahlen im November gerade den kleinen Tritt in die Kniekehle bekommen, der so richtig wachmacht.

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Wie wollen Sie in der Hochschulpolitik siegen? KÜHN: Die Zahl der Studierenden an den wissenschaftlichen Hochschulen unseres Landes hat sich innerhalb des letzten Jahrzehnts verdoppelt. Bis 1980 wird abermals mit einer Verdoppelung zu rechnen sein. Ende der siebziger Jahre werden jährlich über 50 000 Studienanfänger Einlaß in die Hochschulen unseres Landes fordern. Wir bejahen diese Entwicklung. Es ist unser Ziel, jedem Studierenden einen Studienplatz zu verschaffen. Aber damit sind wir auch gezwungen, besondere Anstrengungen zu machen. In der kurzen Zeit, seit ich das Hochschulressort übernommen habe, ist das Fachhochschulgesetz zustande gekommen, das auch von den Ingenieurschülern als das modernste der Bundesrepublik anerkannt worden ist.

Zweiter Punkt: Wir haben, nachdem wir schon einen Höchschulgesetzentwurf hatten, der allen Kräften an der Universität zu etatistisch war, einen neuen Entwurf erarbeitet. Es gibt Leute, die haben von der Regierung die Vorstellung, daß sie an Prestige verliert, wenn sie einen Entwurf nicht so durchkämpft, wie sie ihn vorgelegt hat. Ich bin ohne Prestige in all diesen Fragen. Unser erster Hochschulgesetzentwurf, der von allen Seiten attackiert wurde, hat aber wie ein Knüppel hinter der Tür gewirkt und die universitäre Eigeninitiative in Gang gesetzt. Jetzt haben wir fast überall Universitätssatzungen, die mir zur Genehmigung vorgelegt wurden und die ich akzeptieren kann. Und wir haben einen Hochschulgesetzentwurf im Parlament liegen, von dem ich annehmen darf, daß er auch von der Opposition weitgehend mitunterstützt wird. Niemand wird mir für das Hochschulgesetz einen Fackelzug bereiten, aber das ist auf dem Hochschulgebiet auch nicht zu erreichen.

Dritter Punkt: Wir haben jetzt den Hochschulgesamtplan vorgelegt, der vorsieht, daß wir bis 1975 acht neue Universitäten schaffen, und zwar eine in Essen, in Verbindung mit dem dort errichteten Klinikum als naturwissenschaftlichmedizinische Universität, und sieben weitere erziehungswissenschaftliche Universitäten. Ich möchte die Lehrerausbildung, und zwar in allen Etagen, dort konzentrieren. Fast fünfzig Prozent unserer Studenten sind Lehramtsanwärter. Das heißt, die Lehrerausbildung soll weitgehend aus den klassischen Universitäten herausgenommen werden? KÜHN: Ja, sicherlich im Entwicklungsstadium erst einmal die Realschullehrerausbildung. Das muß man unter dem Aspekt der Gesamthochschule sehen. Fast überall dort, wo wir eine traditionelle Universität haben, soll eine erziehungswissenschaftliche Universität errichtet w erden und eine Fachhochschule — alles an einem Ort. Insgesamt sollen dreizehn Fachhochschulen gebaut werden. Nehmen Sie zum Beispiel Münster: Dort haben wir eine traditionelle Universität. Nach Münster kommt eine Fachhochschule, und nach Münster kommt eine erziehungswissenschaftliche Universität. Die Gesamthochschule soll doch eine Verzahnung sein, so daß, auch ohne daß Hunderte von Kilometern dazwischen liegen, die Studenten ihr Studium zwischen den Instituten abstimmen können. Damit wäre eine maximale Durchlässigkeit erreicht.

Diese Pläne wirken deshalb so erstaunlich, weil zwar alle davon reden, aber kaum gehandelt wird. Das Modell, das Sie verwirklichen wollen, hat auch Bundeswissenschaftsminister Leussink schon propagiert.

KÜHN: Leussink hat in diesen Tagen in Bielefeld schon gesagt, er hielte die Vorschläge von Nordrhein Westfalen für besonders begrüßenswert. In einigen Ländern hat man ja jetzt die Neigung, erst einmal abzuwarten, was der Bund macht. Meine Sorge ist, daß der Bund gar nicht so schnell zu einer verbindlichen Konzeption kommen kann. Wir können nicht auf ihn warten und sind nicht aus der eigenen Verantwortung entlassen.

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