Und doch Mensch sein...

Ich muß eine Möglichkeit finden, krank zu sein und nicht darunter zu leiden.

Das Leiden öffnet dem Gesund die Tür, denn es verlangt von mir, daß ich die Krankheit steure. Das Gesund stellt die Möglichkeit dar, das Krank da abzuschneiden, wo es über das Minimum hinaussteht, wo es beginnt, das Gehirn einzunehmen und in den Bereich des „Leidens" hineinzuziehen. Das Leiden verursacht einen Machtkampf, dessen Ende die Begrenzung des Leidens sein könnte.

Anzeige

Es gilt da, zwei Begriffe zu trennen: das Kranksein und das Leiden; denn das eine muß nicht aus dem anderen folgen. Das kann das Gesund bewirken. Es hat am meisten Einfluß auf das Wie, und da stößt es mit dem Leiden zusammen. Erst wenn ich gelernt habe, das Leiden unterzuordnen, womöglich ganz umzuset?en, kommt das Gesund heraus und steht dem Leiden nicht als Gegensatz gegenüber. Das Leiden ist eine ständige Gefahr, aber auch die Herausforderung, zwei unverbundene Zustände Zu verknüpfen.

Die ändern kommen vor lauter Arbeit, die ich mache, gar nicht dazu, ich zu überlegen, wie ich behandelt werden sollte, um möglichst viel Widerstandskraft zu sammeln. Sie haben nicht Zeit genug, sich darüber klarzuwerden, daß mein Leben noch aus etwas anderem besteht als der Mühe: daß auch Kranksein nichts Feststehendes ist und daß es mir ermöglicht werden könnte, krank zu leben, das heißt, die Krankheit so abzugrenzen, daß mein Gehirn übrigbleibt. Zum Glück geht es ja über die Phantasie von jedem gesunden Menschen, sich zu überlegen, wie blödsinnig das ist, womit man als Kranker seine Zeit zubringt: Ich bin viel zu dünn; damit ich ruhiger schlafe und die ändern nicht zu oft störe, bekomme ich Schaumgummi unter die Knochen. Das kostet Zeit. Jeden Tag eine halbe Stunde;, die Kette von halben Stunden setzt Monate zusammen. Ich sehe eine weiße Bettdecke, Kopfkissen, den Speichel, Rollstühle im Gang, den Wättebeutel und die Alkoholflasche. Es gibt nur Spritzen, Pillen Schlucken, Gummiringe, Salben, weil die Haut zuwenig Fett hat; lauter unwichtiges Zeug, das zu tun in sich anstrengend ist, eben weil es anstrengend ist, unwichtige Dinge zu tun.

Die ändern sehen von mir ein bißchen, alles jedenfalls, was an Krankheit sichtbar ist. Da ist ihre Vorstellung durch, die äußere Realität , gelenkt Ws ita aber nicht- sieht und gar nicht sehen kann ,, selbst nicht, wenn da ein sehr guter Wille ist und ich versuche, es zu erklären, ist das Gefühl von Kranksein, die ewige Erniedrigung, die immer neu gespürt und deshalb gesteigert wird durch das gesunde Gehirn.

Was mir nicht gelingt, ist, das Normale zu vergessen. Da wird das Gehirn zum Feind. Es gelangt immer wieder außerhalb meines Zustandes. Mein Gehirn gehört auf die gesunde Seite, mein Körper auf die kranke. Durch mich geht ein Graben, den ich nicht überwinden kann. Ich muß daran denken, daß ich nicht zu früh aufwache; denn es ist anders geplant. Ich bekomme dann mein Diktaphon, damit ich beschäftigt bin.

Ich weiß, daß ich auf die Nerven gehe dadurch, daß ich bin, wie ich bin, obwohl ich krank bin und eigentlich mich hätte ändern müssen, weil die Krankheit mich hätte zwingen sollen, umgänglicher zu werden. Ich weiß, daß man das von mir erwartet, nur weil ich immer in der Position des Schwächeren bin. Die Krankheit hat, wie ein Eimer voll Wasser, das Recht auf Launen weggespült, und weil ich mich nicht auf die neue Lage einstelle, sind sie Fehler Überhaupt macht die Krankheit aus Eigenarten Nachteile.

Service