Vom Kasperle zur Schocktherapie
Die Jugendverkehrserziehung steckt noch in den Anfängen / Von Armin Ganser
An einem Chausseebaum liegt ein zerschellter Ferrari, daneben drei junge Männer, schrecklich verstümmelt — tot. Ein Streifenwagen der Landpolizei trifft am Unfallort ein. Die Polizisten können nur noch die Unfallursache registrieren: „Durch überhöhte Geschwindigkeit aus der Kurve getragen " Diese Szene ist ausnahmsweise einmal nicht Wirklichkeit — sie ist gestellt, Bestandteil eines Films. Mit solchen Streifen, drastisch ausgeschmückt bis zum roten Blutgerinnsel auf dem schneeweißen Ferrari, soll in Bayern künftig Jugendverkehrserziehung getrieben werden — als Schocktherapie. Dia Serien und Filme, in denen Polizisten als freundliche Lehrmeister auftreten oder Verkehrsjuristen Paragraphen im besten Amtsdeutsch herunterschnurren, sollen der Vergangenheit angehören. In vorerst 14 bayerischen Stadt- und Landkreisen haben Verkehrswacht und Jugendringe begonnen, mit neuen Formen der Jugendverkehrserziehung zu experimentieren. Die „Schocktherapie" ist eine davon.
Ein Münchner Jugendrichter wies den Weg zu dieser drastischen Methode „Mit Verkehrsunfallziffern, die den jugendlichen Verkehrssündern in der Hauptverhandlung vorgehalten werden, um sie zur Einsicht ihrer Schuld zu veranlassen, erreichen wir gar nichts. Zahlen beeindrucken die jungen Leute nicht. Erst die Konfrontation mit dem Einzelfäll, aber auch mit den wirtschaftlichen Folgen, haben manchen Rowdy von der Verwerflichkeit seiner Handlungsweise überzeugt " In den Vorträgen und Diskussionen der jetzt angelaufenen bayerischen Verkehrserziehungskampagne wird immer wieder ein. Vorwurf laut: Die Schule habe auf diesem Gebiet versagt. Ein zwölfjähriger Volksschüler in Bayern hat zum Beispiel im Jahr 160 Unterrichtsstunden Religion, 120 Stunden Zeichnen und 90 Stunden Musik, aber bestenfalls nur sechs bis acht Stunden Verkehrsunterricht „Bildungsplanung aus dem Zeitalter der Postkutsche", spottet Dr. Gerhard Munsch, Leiter der Psychologisch Medizinischen Untersuchungsstelle beim Technischen Überwachungsverein Bayern. Dabei komme es gar nicht so sehr darauf an, wie viele Einzelstunden Verkehrsunterricht auf dem Stundenplan abgehakt werden können. Entscheidend sei vielmehr, ob die Lehrer in der Lage seien, den Verkehr als zwingende Erscheinung des modernen Lebens zu begreifen und in ihrem gesamten Unterricht schon im Grundschulalter dem Kind nahezubringen. Zwar gibt es hier und dort Ansätze einer brauchbaren Verkehrserziehung, aber was hilft das, wenn gleichzeitig in den Schulbüchern die Straße immer noch als Idyll inmitten einer heilen Welt geschildert wird? Ein Beispiel aus einem bayerischen Lesebuch mag für viele andere stehen: „Eine Schafherde zieht durch die Kleinstadt. Jetzt gilt im Städtchen die Geschwindigkeit der Schafe. Es gibt keine Eile mehr. Die Autos, die von vorn kommen, stellen sich an den Rand der Straße. Die Fahrer schmunzeln vergnügt. Der Polizist steht mitten in der Herde und läßt seine Hand über die Schafrücken streifen. Das letzte der Schafe ist ein müdes Lämmlein " Eines Tages sitzen diese Kinder selbst am Steuer. Technisch beherrschen sie das Fahrzeug. Die Handgriffe und Fußbewegungen haben sie schon lange, ehe sie den heiß ersehnten Führerschein in Empfang nehmen durften, im Bett vor dem Einschlafen geübt. Der fahrbare Untersatz macht sie endlich unabhängig — von der elterlichen Aufsicht, von der Überwachung durch die Nachbarn, von der Autorität der Schule und vom Zwang, ein öffentliches Verkehrsmittel in die Freizeitpläne einzukalkulieren. Das neue Freiheitsgefühl führt zu einer Überschätzung der eigenen Fähigkeiten. Man will mitfahrenden Freunden und Freundinnen mit dem eigenen Können und mit der Kraft der Maschine imponieren.
Die Verkehrsexperten haben in eingehenden Untersuchungen bei Verkehrsunfällen vier typische Merkmale ausfindig gemacht, die vornehmlich auf junge Leute zutreffen: ® Erstens: Ein großer Teil der Unfälle ereignet sich am Wochenende.
Zweitens: In der Regel sind überhöhte Geschwindigkeit und Alkoholgenuß Unfallursache. Drittens: Die unerfahrenen Jugendlichen schätzen häufig die Straßenverhältnisse falsch ein. mangelnde Fahrpraxis führen zu gefährlichen Situationen, die oft in Katastrophen enden. Für nicht wenige Jugendliche, die vor Gericht erscheinen, ist heute das Fahren ohne Führerschein ein Sport, wie es für die Generation ihrer Väter das Stehlen von Äpfeln aus Nachbars Garten war. Spritztouren ohne Fahrerlaubnis, nach Unfällen meist verbunden mit Unfallflucht, stehen fast täglich vor deutschen Jugendgerichten zur Verhandlung an. Die Richter strafen hart, aber viele von ihnen haben dabei ein schlechtes Gewissen. Sie fragen sich: Sind diese jungen Leute in Schule, Elternhaus oder Jugendgruppe auf den heutigen Verkehr vorbereitet worden? Hat man sie in einer vernünftigen „Verkehrsgesinnung" erzogen? Können Strafen diese erzieherischen Versäumnisse ersetzen? Fahrschullehrer äußern sich zu diesen Fragen ähnlich: Wir können unseren Schülern zwar die Verkehrsregeln, das richtige Bedienen eines Autos und das vorschriftsmäßige Verhalten im Verkehr beibringen, aber wir können sie nicht mehr erziehen.
Verkehrserziehung muß bereits im Grundschulälter beginnen, möglichst schon im Kindergarten. Vom „Verkehrskasperle" führt der pädagogische Weg über den Schulverkehrsgarten zum Verkehrsunterricht. In den Berufsschulen und im Gymnasium muß die Verkehrserziehung fortgeführt werden. Nicht Paragraphen sind jetzt das Ziel, es gilt, den „Verkehrssinn" zu schärfen. Die erste motorisierte Jugendverkehrsschule der Bundesrepublik, die in WunsiedelOberfranken mit sechs von einer Mineralölfirma gespendeten Mofas ihren Lehrbetrieb aufnahm, beschreitet den methodischen Weg der praktischen Einübung. Das mit Verkehrszeichen gespickte Übungsfeld von der Größe eines Fußballplatzes hat sein Vorbild in den Verkehrsübungsplätzen des ADAC. Ehe sich die Jugendlichen zum erstenmal in den Sattel der Mofas schwingen dürfen, müssen sie beweisen, daß sie sich im Verkehr auskennen.
Andere Versuche in Bayern mit der außerschulischen Verkehrserziehung betonen stärker den sportlichen Wettbewerbscharakter: Geschicklichkeitsturniere, Sternfahrten, Bildersuchfahrten mit Fahrzeugüberprüfungen durch die Polizei. In Wochenendseminaren werden schließlich die Jugendleiter als „Multiplikatoren" der außerschulischen Jugendarbeit angesprochen. Das sind alles lobenswerte Versuche. Noch wird freilich überall experimentiert, denn es mangelt an bewährten pädagogischen Methoden und Erfahrungen. Ob sich die eingangs beschriebene Schocktherapie oder praktische Verkehrsübungen, am Ende als wirkungsvoll erweisen werden, das bleibt abzuwarten.
- Datum 12.12.1969 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.12.1969 Nr. 50
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