Fernsehen Vor und nach zehn
ARD und ZDF in der vorigen Woche
Zuerst Herr Vico Torriani und die nimmermüde Dame Rökk, um zehn dann der Kanzler im Dialog mit Klaus Harpprecht (Brandt selbstkritisch, der eigenen Grenzen bewußt und dort Probleme aufzeigend, wo die rechten Schwadroneure vor ihm nur einen wolkenlosen Gnadenhimmel erkannten). Die Robbenbabies Max und Moritz voran (Geheimnisse des Meeres heißt die Devise) und hinterher, nicht jugendfrei, ein Film über den Werbefachmann Charles Wilp. Erich Helmensdorfer um neun, ein junger Computer wird auf die Zuverlässigkeit seiner Karl May Datenspeicherung hin überprüft, um zehn Uhr Gerhard Botts von aufklärerischer Akribie bestimmter Bericht über die antiautoritären Kindergärten und jene Erziehung zum Ungehorsam, die, früh und konsequent praktiziert, mehr ist als ein Alibi für rigorose Disziplinierung.
Zur besten Zeit die Erbschaft der Tante Clara, zur Stunde der nachtsamen Minoritäten eine farbige Rekonstruktion der Schlemmerschen Triaden Ballette: Wie zynisch wird da das Volk abgefüttert mit Schnulze und populärem Bericht, und wenn es dann Schlafenszeit ist (die Fußballfans freilich harren noch aus: Ein in der 91. Minute ausgetauschter Torwart das ist auch um null Uhr vierzig noch lustig), wenn Kumpel und Raumpflegerin den Wecker aufziehen, noch sieschen zehn und elf, wenns nicht mehr so gefährlich ist, werden im Fernsehen die Ausrufezeichen durch die Fragezeichen ersetzt.
Dann sieht man Herrn Minister Schmidt unter der Ägide des großen Charles Wilp bei dem Bemühen zu, mit Hilfe einer Kicker Kostümierung große Wilp macht sonst dergleichen simple Scherze nicht, ihm geht es eher, einem Hölderlin des Pop, ums Antizyklische ) Um elf Uhr tanzen die Puppen, schwingen, kreisen, drehen, balancieren die Gliedermänner, fliegen Gitter, Bälle, weiße Kreisel durch den schwarzen Raum (welch ein Film, welch ein policischer Traktat: diese Etüde a la Oskar Schlemmer über die graziöse Kooperation der Tanzelemente!).
Ich dachte an Marcuses Darstellung der neuen Sensibilität, an die Verschwisterung von Marx und Andre 1 Breton und ich dachte gleichfalls an Marcuse, als ich mir überlegte, warum wohl der Film über den Manipulator Charles Wilp (wie ein Karajan der Technologie gerierte er sich: Es waren die Busen natürlich, die mit den Saftorangen konkurrierenden Brüste, war im Niederen der schwarze Schatten, der den Oberen für die Seele der Heranwachsenden gefährlicher dünkte als die rauchenden Colts, sonntags um drei, die Schreckensszenen aus Vietnam, die Fratzen der Kindermörder (Ich- hatte einen Bedie in Napalm, und die Hände der Großen, die in Unschuld getaucht sind.
Mochten sie laryenhaft wirken, die nackten Mannequins des Charles Wilp, der da anpreist, was zu preisen man von ihm verlangt, mochten, mit ihnen verglichen, die verwegen schaukelnden Schlemmerschen Masken sich wie — Menschen ausnehmen seelengefährdend waren diese Nackedeis mit ihren kolorierten Ungetümen zwischen Bauch und Hals nur für Betrachter, die, angesichts so streng regierender Sittengesetze, nicht jener eher laxen Moral in Fragen der Lebensversicherung gedachten, die sich durch den Satz kaum tangiert sieht: Sichzehn Vietcongs Wie heißt es bei Marcuse? „Nicht das Bild einer nackten Frau, die ihre Schamhaare entblößt, ist obszön, sondern das eines Generals in vollem Wichs, der seine in einem Aggressionskrieg verdienten Orden zur Schau stellt " Erkenntnisse, die erst nach zehn Uhr abends zu gewinnen sind: dann, wenn nicht allein die Mädchen, sondern auch die Widersprüche der Gesellschaft sich ein wenig unverhüllter zeigen als um neun. Momos
- Datum 12.12.1969 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.12.1969 Nr. 50
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