Wenn alle zuviel auf einmal wollen
Wer die vier „Weisen" des Sächverständigenrates beim Wort nimmt, muß Angst vor dem nächsten Jahr bekommen. Der Rat gibt eine wirtschaftliche Prognose, die mit ein paar gefährlichen Vorbehalten verbunden ist. Auf eine kurze Formel gebracht: Ein inflatorisch getriebener Boom mit anschließender Flaute ist für das nächste Jahr wohl nur dann vermeidbar, wenn sich die Gewerkschaften mit dem Anteil am Volkseinkommen zufriedengeben, den sie bis zu diesem Jahresende wieder errungen haben. Das heißt, mehr als sieben Prozent sind für sie 1970 nicht drin, Die Gewerkschaften werden aber, so die Sachverständigen, allenfalls Vernunft walten lassen, wenn die Preise um nicht mehr als drei Prozent steigen. Ob so viel Maßhalten an der Preisfront möglich ist, hängt davon ab, ob die Händler mit Lebensmitteln wenigstens zwei Prozent jener Preissenkungen an die Verbrau- eher weitergeben, die vom 1. Januar an durch die von Brüssel verordnete Agrarpreissenkung am deutschen Markt entstehen. Obendrein müßten die Unternehmer auf die Verteidigung ihrer hohen Gewinnmargen von 1969 verzichten.
Man muß schon Optimist sein, um glauben zu können, daß die Agrarhändler ihre Preise senken, die Unternehmer freiwillig auf (wenn auch letzlich inflationäre) Gewinnchancen verzichten und die Gewerkschaften ruhig Blut behalten werden, da doch die Regierung selbst möglicherweise Signale für die Lohnbewegung. 1970 setzt, wenn sie den „öffentlich Bediensteten" das geben sollte, was diese haben wollen, mindestens zwölf Prozent mehr.
Innenminister Hans Dietrich Genscher ist sich vermutlich dessen bewußt, daß großzügige (sozial durchaus gerechtfertigte) Lohnzugeständnisse an Heinz Kluncker, den Gewerkschaftsboß der öffentlich Bediensteten, einen Dolchstoß in den Rücken seines Kabiftettskollegen Karl Schiller bedeuten. In der Konzertierten Aktion muß Schiller nämlich beide Tarifpartner zum Maßhalten bei Löhnen und Preisen beschwören Er wird unglaubwürdig, wenn sein Kollege sich nicht daran hält.
Die Konzertierte Aktion, die Maßhalteappelle sind aber diesmal die einzige Chance, uns vor einem Ausrutscher in eine noch tiefere Talsohle zu bewahren als 1966. Die vielgeschmähten öffentlichen Hände haben diesmal keine Schuld. Sie verhielten sich bisher sparsam, x unter Finanzminister Alex Möller werden sie es vermutlich auch 1970 tun. Bleibt als letzte Rettung wieder einmal die Bundesbank, die jedes Zuviel an Preis- und Lohnerhöhungen mit hohem Zins und knappem Geld vergelten muß und damit wieder den klobigen Hammer des Boomtöters schwingt.
„Maßhalten" stand Ludwig Erhard gut zu Gesicht, Karl Schiller nicht. Doch seine Vorstellung von der sozialen Symmetrie, mit der er Unternehmer und Gewerkschaften gleichermaßen auf einen wirtschaftlich vertretbaren Einkommenskurs einschwören wollte, ist heute verblaßt, wenigstens bei den Gewerkschaften. So bleibt ihm nichts als Erhards altes Allheilmittel, der Appell an die wirtschaftliche, Vernunft. Ob ihm dabei mehr Erfolg beschieden sein wird als dem Vater des Wirtschaftswunders? Pessimisten richten sich auf einen kalten Winter 1970 ein.
- Datum 12.12.1969 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.12.1969 Nr. 50
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



