Wenn das Geld zu Gold wird
Lange Zeit wurde auf den deutschen Aktienmärkten die Goldnot der Wirtschaft nicht zur Kenntnis genommen. Mit dem Zins stiegen die Aktienkurse, eine geradezu paradoxe Entwicklung. Seit einigen Tagen ist das anders geworden. Geld wird- von den Banken — bildlich gesprochen — mit Gold aufgewogen. Kein Wunder, wenn keine Mittel mehr für den Effektenkauf zur Verfügung stehen und die Börsenhändler der Banken Anweisung haben, auf keinen Fall etwas zu kaufen, aber jede Gelegenheit benutzen, Geld durch Effektenverkauf zu beschaffen.
In dieser Situation wird die Bankenkundschaft begreiflicherweise nervös, und das spekulativ veranlagte Publikum neigt dazu, Kursgewinne sicherzustellen. Die Folge: In den Papieren, deren Kurse von der Börsenphantasie am stärksten nach oben getragen wurden, gab es die empfindlichsten Einbußen. Aber auch in den marktgängigen deutschen Standardaktien blieben Verluste nicht aus. Sie litten unter Auslandsabgaben. Internationale Anleger kassieren die bei den deutschen Aktien aufgelaufenen Kursgewinne. Nicht weil sie meinen, deutsche Aktien seien zu teuer, sondern weil sie die Erlöse für mehrere Monate zu 12 bis 13 Prozent ausleihen können — an erste amerikanische Adressen. Ob die deutschen Kapitaianleger jetzt schon bereit sind, ihre noch vorhandenen Mittel zum Kauf deutscher Aktien einzusetzen, bleibt abzuwarten. Auch sie scheinen der Meinung zuzuneigen, daß Geldverleihen zur Zeit einträglicher ist, als Aktien zu besitzen.
- Datum 12.12.1969 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.12.1969 Nr. 50
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