Wer war's?

Sein Lieblingslöwe — so erzählte efe später der Diener — habe in jener Nacht herzzerreißend gebrüllt und sich dann schwermütig in eine Käfigecke gelegt. Am Morgen fand der Diener seinen Herrn tot auf dem Bett, beide, Hände vor das Gesicht geschlagen; zweiundsiebzigjährig war er allein in seinem Palais gestorben — „einige Jahre zu spät für seinen Ruhm", wie ein jüngerer Zeitgenosse, der ihn persönlich gekannt hatte, später schrieb.

Aber hatten jene letzten Jahre, da sein Gedächtnis ihn nahezu völlig verlassen hatte und er sich kaum noch an Dinge erinnerte, die er eben gesagt oder befohlen hatte, da alte Bekannte ihm gänzlich fremd erschienen, da er in Konferenzen regelmäßig einschlief und pfötzlieh laut auflachend erwachte und eigentlich nur noch Tric trac spielen mochte — hatten diese letzten Jahre eines erschreckenden geistigen Verfalls seinen Ruhm geschmälert? Zehntausende folgten dem Toten, 1 als er unter großen Ehren zu Grabe getragen, wurde (ohne sein Herz; denn das sollte auf dem Stammsitz seiner Familie beigesetzt werden; obgleich er selber dort nie gelebt hatte). Und vor der Gruft sagte der Prediger: „Allhier liegt in einem Totensarg beisammen, was immer man unter uns Menschen Großes ffennen kann " Freilich gab es auch andere Stimmen. Einer seiner ehemaligen Adjutanten (der von ihm entlassen worden war und dann „das Publikum von den Bosheiten und Verfolgungen seines einstigen Herrn unterrichten" wollte) stellte Ihn als Intriganten dar, der unter äußerer Unterwürfigkeit eine maßlose Herrschsucht verborgen habe, der falsch gewesen sei, voll Verstellung, und im Grunde unfähig — sogar auf seinem, eigentlichen Gebiet, wo er so viel Ruhm geerntet —, der groß und geschickt allenfalls in der Erfindung von Lügen und im Anstiften von Kabalen gewesen sei; nur Speichellecker habe er gefördert, fähige Mitarbeiter dagegen unterdrückt; und wer es gewagt habe, ihm und seinen Favoriten entgegenzutreten, den habe er mit geradezu -tödlichem Haß verfolgt. Bei alldem habe er sich immer nur von persönlichen Interessen leiten lassen. Bettelarm war er im Alter von zwanzig Jahren in jenes Land gekommen, dem er ein halbes Jahrhundert lang diente. Es heißt, beftSsner Ankunft habe er 25 Taler besessen. Als er starb, hinterließ er Besitzungen und Bargeld im Gesamtwert von 25 Millionen! Kein Wunder, daß er Neider hatte, auch und gerade in jenem Land, das er verlassen hatte, weil er sich gekränkt fühlte, als man ihm den Versuch, die Offizie rslaufbahn einzuschlagen, vereitelte. Ursprünglich hatte er Geistlicher werden sollen, war schon Abbe gewesen, doch hatte der Neunzehnjährige das geistliche Gewand abgelegt (weswegen seine Großmutter ihn enterbte). Eine Zeitlang trieb er sich bei Hofe herum, unter Pagen und Kadetten, die der Schrecken der Bürger waren; und von denen ein Historiker schrieb: „In Scharen streifen sie durch die Straßen, behelligen die Frauen, reißen die Schilder der Wirtshäuser ab, zerbrechen die Scheiben ; sie dreschen auf Menschen und Dinge los, verrichten ihre Bedürfnisse an den Büschen des königlichen Parks, planschen in den Wasserbecken, stehlen die Schlüssel, mit denen die Wasserhähne geöffnet werden, zerbrechen das Gitterwerk der Laubengänge , jagen das Wild des Königs, beschimpfen die Stallknechte, ziehen, eines Wortes wegen, den Degen, bedrohen den Vorübergehenden, dessen Nase ihnen nicht gefällt, mit der Pistole, flößen den friedlichen Einwohnern einen derartigen Schrecken ein, daß man alle ihre Forderungen erfüllt. Die Halter der Billardsäle geben ihnen Kredit, die Schankwirte, die Besitzer von Badeanstalten, die Limonadenverkäufer . gewähren ihnen Unterkunft. Schamhaft geht die Historie darüber hinweg, was die Pagen in diesen Unterkünften angestellt haben, doch es läßt sich mühelos erraten " Aber es ist kaum anzunehmen, daß er sich wohlgefühlt hat in solcher Umgebung. Denn nicht nur, daß er kein Geld hatte, er war auch körperlich benachteiligt, fast zwergenhaft klein und ;twas verwachsen, sah überhaupt nicht gut aus: „Klein und häßlich von Person", so beschrieb ihn die Schwägerin des Königs, „hat die Oberleffzen so kurz, daß er den Mund nie zumachen kann, man sieht also allezeit zwei große breite Zähne; die Nase hat er ein wenig aufgeschnupft und ziemlich weite Nasenlöcher " Sie mochte ihn nicht und machte sich noch später über ihn lustig, als er bereits berühmt wir; da meinte sie, seine „Meriten" müßten ihm erst später „gewachsen sein, denn wie er hier war, spürte man gar nichts, sondern, ganz contra re, er war nichts als ein schmutziger, sehr debauchierter Bub, der gar keine Hoffnung zu irgend etvas Rechtem gab".

Anzeige

Schlimmer aber als solche abfälligen Bemerkungen waren ihre mehrmals vorgebrachten Behauptungen, er habe es mit Homosexuellen getrieben. Etwa: „Hier plagten ihn alle jungen Leute und lachten ihn aus, hießen ihn nur Madame Simone und Madame Lansiene, denn man prätentierte, daß er oft bei den jungen Leuten die Dame agierte Das hing ihm an — zwar weniger zu seinen Lebzeiten, aber doch später, als man sein Leben zu erforschen begann (wobei man allerdings auch feststellte, daß andere Zeitgenossen solche Behauptungen nicht gemacht haben).

Immerhin hat es dazu beigetragen, ein Bild vor glorifizierender Einseitigkeit zu bewahren, indem man nämlich — auf mögliche Widersprüchlichkeit erst einmal aufmerksam gemacht — tatsächlich manch Widersprüchliches fand. Er, der Kultivierte, der sich eine der wertvollsten Bibliotheken zugelegt hatte, der sich für Tage in seiner Kupferstichsammlung vergrub, der von berühmten Philosophen geschätzt und besucht wurde und der von seinen Offizieren die „leichte und heitere Weise" verlangte, selbst angesichts des Todes — er, der Edle, zögerte nicht, höchstselbst zwei seiner Dragoner, die sich zur Flucht wandten, aus dem Sattel zu schießen. Wer wars?

 
  • Quelle DIE ZEIT, 12.12.1969 Nr. 50
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service