Bericht aus New York: Wo das Unmögliche möglich wird

Von Willi Bongard

If possible steal anyone of these drawings including this senten (wenn es möglich ist, stehlen Sie irgendeine dieser Zeichnungen einschließlich dieses Sät ) — so stand in schwarzer Blockschrift auf einem der neuesten „Gemälde" des in New York lebenden Japaners Arakawa zu lesen, der gegenwärtig in der Dwan Galerie auf der 57. Straße ausstellt.

Betrat, schien es mir unmöglich, dieser Aufforderung nachzukommen, nicht zuletzt deshalb, weil dieser Satz nicht voll ausgeschrieben war. Drei Tage später, als ich die Arakawa Ausstellung noch einmal besuchte, mußte ich mich eines Besseren belehren lassen. An der Stelle, an der das etwa zwei mal anderthalb Meter große Bild gehangen hatte, klebte ein Photo, unter dem zu lesen stand: „Das obige Gemälde wurde von dieser Wand gestohlen " Ein Besucher hatte die Aufforderung ües Künstlers allzu wörtlich genommen und das Unmögliche eben doch möglich gemacht (Es handelte sich übrigens um ein Bild in der Preislage um 2000 Dollar ) Arakawa, ein schüchterner und in sich gekehrter junger Künstler, den ich zufällig in der Galerie antraf und dem ich mein Beileid aussprach, hatte den Schock bereits überwunden. Zwar sprach er von einem bedauerlichen „Mißverständnis", das zu dem Diebstahl geführt habe, gleichzeitig aber wollte er sich der gewissen inneren Logik nicht entziehen, die zu diesem Bubenstreich geführt hatte. Die Diebe hatten sich inzwischen mit einem Telegramm zu Wort gemeldet, in dem es hieß: „Gemälde in Sicherheit gebracht — , Werk vollendet " Wer weiß, vielleicht handelte es sich auch nur um einen cleveren PubMc Relations Trick; aber wie dem auch sei, der Vorfall in der Dwan Gallery scheint mir bezeichnend für die New Yorker Saison 196970, die gegenwärtig „in füll swing" ist, wie man so sagt. Die Galerien haben sich durch die Entwicklung von <der Pop Art über die Minimal Art und AntiForm Bewegung bis hin zur Impossible Art (Conceptual oder auch Idea Art genannt) nicht aus der Ruhe bringen und schon gar nicht aus dem Geschäft drängen lassen.

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Solange und soweit die Künstler der Avantgarde überhaupt noch etwas machen — sei es in der Wüste von Nevada, sei es am Strand einer der Westindischen Inseln, sei es am Himmel über dem Central Park oder sogar auf dem. Meeresboden —, solange es noch irgend etwas mit Worten, Skizzen oder Photographien zu dokumentieren gibt, findet der New Yorker Kunsthandel (und nicht nur der New Yorker Kunsthandel) einen Weg, Geschäfte damit zu machen. Und es finden sich nach wie vor Sammler, die bereit sind, selbst bloße Ideen zu honorieren — solange sie nur irgendwie (an ) faßbar gemacht werden — und sei es in Gestalt eines Photos oder eines Fetzen Papiers, auf dem sie skizziert sind.

Die winzige Galerie John Gibson auf der 67. Straße bietet derzeit vielleicht das beste Beispiel dafür, daß der Kunstkommerz nicht totzukriegen ist, daß die Götzendämmerung des Kunsthandels weiterhin auf sich warten läßt, daß die Kunst ihren Warencharakter vorerst beibehalten wird — mag dies den Intentionen der jungen Künstlergeneration auch noch so sehr zuwiderlaufen.

Bei: John Gibson, der sich selbst als „ideabroker" —, im Unterschied zum traditionellen Kunsthändler — bezeichnet, traf ich auf eine Ausstellung von Modellen, Zeichnungen, Kollagen und Photografhien des bulgarisch amerikanischen Künstlers Christo, der sich in der Bundesrepublik spätestens seit der Errichtung seiner Mammut „Phallus"Skulptur auf der letztjährigen „documenta 4" einen Namen gemacht hat.

Christo hat vor wenigen Wochen sein „Australienprojekt" verwirklicht, das heißt, einen etwa neun Hektar großen Küstenabschnitt nicht weit von Sydney entfernt in Plastikfolie eingepackt und damit ein giganto gespenstisches Kunstwerk geschaffen, das die Böklinsche Toteninsel im Vergleich zu einer bürgerlichen Idylle werden läßt.

Zwar dürfte es Gibson, der dieses — flächenmäßig — bisher größte Kunstwerk aller Zeiten in Kommission genommen hat, schwerfallen, einen Käufer für das „Original" zu finden; aber es fehlt, wie gesagt, nicht an Zeichnungen, Modellen und Photographien, die zu Preisen von 300 Dollar an aufwärts zu haben sind . Gibson hat es sogar verstanden, das berühmte — wenn auch seit einigen Jahren wegen mangelnder Fortschrittlichkeit gescholtene — Museum of Modern Art für zwei der neuesten „Ecologic Art"Projekte zu interessieren: Im Parterre des Museums sind gegenwärtig sogenannte „Ocean Projects" von Peter Hutchinson und Dennis Oppenheim zu bestaunen, deren Arbeiten an und unter der Küste der Karibischen See niemandes Auge gesehen hat, die dafür aber durch Farbphotos und Landkarten dokumentiert werden. Noch gehen die meisten Besucher kopfschüttelnd an dieser Ausstellung vorüber, zumal die ehrwürdige New York Times sie wieder einmal zum Anlaß genommen hat, die Frage zu stellen, ob es sich hierbei noch um Kunst (im Unterschied zu Natur) handele.

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