Wo lagert das Gas?

Die Mannheimer fragen nach den US-Kampfstoffen

Mannheim Den Mannheimern geht das amerikanische Nervengas allmählich auf die Nerven. Sie haben es zwar noch nie zu riechen bekommen, aber sie ahnen es. Seitdem das Gaslager der USArmy im Spiegel entdeckt worden ist, hat es <len aufgeschreckten Mannheimern noch niemand aus den Köpfen reden können. Im Gegenteil, der spontan gebildete „Aktionsausschuß gegen Nervengas" glaubt fest daran, daß das gefährliche Gift im nicht allzu weit entfernten Waldgebiet yon Viernheim lagert.

Auf die Anfragen des Mannheimer Oberbürgermeisters Reschke und des Nervengasausschusses wurde vom Auswärtigen Amt schon im September geantwortet: „Soweit Sie danach fragen, ob chemische Waffen in Mannheim und Umgebung lagern, hoffe ich auf Ihr Verständnis dafür, daß Angaben über Lagerungsorte von Waffen aus grundsätzlichen Erwägungen nicht gemacht werden können. Die amerikanischen Sicherheitsvorkehrungen lassen die Gefahr einer Vergiftung des Grundwassers durch freigewordene chemische Kampfstoffe als höchst unwahrscheinlich erscheinen Der Stuttgarter Innenminister und Mannheimer Bürger Walter Krause gab sich seinen Mitbürgern gegenüber zwar sehr verständnisvoll wegen ihrer Bedenken, verwies aber auch nur auf die Bonner Auskunft.

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Und einen Witz leistete sich Dr. Schneider yom Bundesverband für Selbstschutz. Er teilte den Mannheimern mit, daß ihm offiziell über die Lagerung von C Waffen in der Bundesrepublik nichts bekannt sei. Im übrigen: „Unverantwortlich handelt nach unserer Auffassung in erster Linie derjenige, der sich nicht durch Selbstschutzmaßnahmen vor den Gefahren moderner Angriffswaffen schützt " Gerade darum geht es ja den Mannheimern. Und da sie die Entfernung der Gasgranaten für einen besseren Schutz halten als eine Selbstschutzfibel, haben sie ihre Mitbürger zu einem Nervengasforum in den Mozart Saal eingeladen. Kreisvorsitzender Dietz von der Jungen Union wies darauf hin, daß vielleicht die Autoabgase doch zuerst beseitigt werden sollten. Josef Bußjäger von der „Mannheimer Liste" ließ sich in der Diskussion aber nicht abbringen: Er habe schon im Ersten Weltkrieg das Gelbkreuzgas kennengelernt. Deshalb sei die Lagerung des Nervengases zu verurteilen und die Verwendung chemischen Kampfstoffes schlechthin verbrecherisch. Auch Heinrich Starke von der FDP stimmte überein: „Das Nervengas muß verschwinden " Herbert Lucy gab bekannt, daß seine SPD Genossen im Bundestag sich für die Entfernung aller chemischen und biologischen Waffen aus der Bundesrepublik einsetzen würden. Nur Heinrich Wittkamp von der CDU wagte die Meinung, daß die NATO auch Nervengas in ihrem Arsenal haben müsse, solange die im Osten vermutlich auch darüber verfügten. Daß Giftgasvorrat aber in einem so dichtbesiedelten Gebiet gelagert werde, hielt auch er nicht für gut.

Als dann schließlich ein Chemiker namens Ambs aus Freiburg sagte, daß ein Bomber B 52 mit einer einzigen Ladung Nervengas die Bevölkerung der ganzen Bundesrepublik vernichten könnte, wurde man sich schnell einig: Die Versammlung billigte den von August Locherer, früher KPD, jetzt DFÜ, gemachten Vorschlag, daß der Gemeinderat eine Delegation nach Bonn zum Bundesverteidigungsminister schicken und „Druck auf Bund und Land" ausüben solle. Auch der Vorschlag Locherers, die Mannheimer sollten vor den Kasernen der Amerikaner und in der Nähe der vermutlichen Gaslagerorte demonstrieren, fand Unterstützung. Schließlich kündigten die Mannheimer Stadträte an, daß sie die Bürgerschaft zu einer Demonstration durch die amerikanische Siedlung „Benjamin FranklinVillage" auffordern würden, wenn die amerikanischen Behörden nicht bald „unverschlüsselt" sagten, ob zwischen Mannheim und Viernheim Nervengas lagere. Sie wollen genau wissen, ob Heinrich Starke recht hatte, als er proklamierte: „Wenn der Bürger satt ist, dann ist ihm alles wurscht!" Nikolas Lang

 
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