Zwei-Groschen-Operette
Manfred Bielers „ZAZA" am Tübinger Landestheater Von Christoph Müller
Manfred Bieters Bühnenerstling „ZAZA" ist formal gesehen alles andere als ein gutes Stück. Interessanter ist die Geschichte, wie es zur „ZAZA" Uraufführung am Tübinger Landestheater kam. Und am allerinteressantesten ist die Frage nach der Wirkung, die „ZAZA" auf ein Publikum haben muß, für das es nicht geschrieben worden ist. Denn „ZAZA" ist in der DDR für die DDR geschrieben, genauer: 1964 als Auftragsarbeit für das Ostberiiner Maxim Gorki Theater unter dem Titel „Der Sekretär" entstanden, noch im gleichen Jahr in „Der rote Ochs" umgetauft, unter dem endgültigen Titel „ZAZA" dann vom 11. Plenum des SED Zentralkomitees diskutiert und als staatsfeindlich verboten.
Was für Ostberliner untragbar schien, in Prag sollte es möglich werden; doch dazu mußte Manfred Bieler erst mit der DDR brechen, denn er hatte sich 1966 verpflichten müssen, alle bereits gedruckten „ZAZA" Exemplare wieder zurückzuziehen und auch eine bereits in die Wege geleitete Veröffentlichung im brüderlichen Ausland zu verhindern. Bieler wurde CSSR Bürger, schrieb eine Prager Fassung seines Stückes und durfte 1968 mit der Uraufführung von „ZAZA" am Prager Nationaltheater und weiteren Inszenierungen in Hradec Kralove (Königgrätz) und Brno (Brunn) rechnen. Als dann aber auch in der CSSR zwangsweise wieder DDR Verhältnisse herrschten, ging Bieler mitsamt „ZAZA" und der gleichfalls DDR verbotenen „Maria Morzeck" ins Münchner Exil; mit „Maria Morzeck", dem spaßigen Ostberliner Milieu Roman, ist er ja inzwischen im westdeutschen Buchgeschäft schon ziemlich heimisch geworden.
Bieler fühlt und bekennt sich als Anti Bolschewist in dem Sinne, als ihn nichts mehr auf die sowjetische Spielart des Sozialismus hoffen läßt, die er am eigenen Leibe zur Genüge erfahren hat. Als DDR Dramatiker, dessen politisch relevante Arbeiten im eigenen Lande nicht erscheinen dürfen, ist er der vierte nach Peter Hacks, Hartmut Lange und Heiner Müller, der sein Stück statt dessen beim westdeutschen Klassenfeind zur Uraufführung freigibt. Bielers Stück ist von allen bisher ersatzweise hierzulande auf die Bühne gebrachten DDR Stücken das direkteste und aggressivste, freilich auch das platteste und künstlerisch schwächste.
Wie Hartmut Lange im „Hundsprozeß" macht Bieler in „ZAZA" dem Stalinismus die Rechnung auf: ZAZA ist die Abkürzung für „Zentral Amt zur Aufbewahrung verdienter Genossen". „ZAZA" Hüter sind die Sozialismus Klassiker Hegel, Marx, Lenin und Rosa Luxemburg. Sie sitzen darüber zu Gericht, ob DDR Genosse Wareck auf Erden klassenkämpferisch genug gewirkt hat, um, wie Dürrenmatts „Meteor" im Leichenhemde vom Sarge wiederauferstanden, im Totenreich würdig den großem Revolutionären beigesellt zu werden.
Wareck spielt der hehren Kommission die letzten zwanzig Jahre seines Lebens vor, beginnend 1945. Er startet seine Karriere mit einem Männer Bordell, macht Schieber Geschäfte mit den Besatzern, wird Leiter der Abteilung für Volksbildung, wechselt zur Landwirtschaft über, befleckt sein Gewissen mit der Zwangskollektivierung der Bauern, bringt es gerade deshalb zum Armee Hauptmann, baut einen SpitzelinnenService auf und wird schließlich gar Ministen Spätestens bei Station zwei seines Werdegangs Ist er ein korrupt opportunistischer Mitläufer der Parteimacht, der skrupellos über Leichen, geht. Ein angepaßter Stalinist im Kreis von lauter noch übleren Macht- und Würdenträgern. Ob er mit diesem Lebenslauf der Aufnahme ins „ZAZA" für wert befunden wird, darüber sind sich die sowieso schon das ganze Stück über neckisch zerstrittenen Sozialismus Altvorderen unschlüssig.
Bielers Stück hat trotz mancher direkten Anspielungen leider wenig mit Brecht gemein; sein „Volksstück mit Liedern", so der Untertitel, bemüht sich zwar in Wort und Musik (Eugen Illin) um Brecht Weill Nähe, aber es langt bestenfalls zu einer Zweigroschen Operette. Die Szene mit dem Männer Bordell und den Spitzelinnen stellt man sich nicht falsch vor, wenn man dabei an Millowitsch denkt. Das Eingreifen von Hegel, Marx, Lenin und Rosa Luxemburg, wiewohl alle mit authentischem Gedankengut zu Wort sich meldend (so etwa ist auch das Versmaß, dessen sie sich befleißigen), ist purer Jux und Tollerei. Die einzelnen Werdegang Stationen Warecks haben sketchartigen Nummern Charakter, jeweils von einem Song gebrauchsfertig lehrhaft beendet; sie erreichen, wenns gutgeivt, das Niveau des Ostberliner „Di stel" Kabaretts, wenns schlecht geht, das der Westberliner „Insulaner" selig. Trotzdem: in dieser wenn auch schwachbrüstigen politsatirischen Eigenschaft wäre „ZAZA" in der DDR ein kecker, heilsam reinigender Beitrag zur eigenen Vergangenheitsbewältigung. Aber muß die subjektiv wie objektiv sicherlich berechtigte, freilich nur Teilaspekte der geschichtlichen Wahrheit berücksichtigende Kritik am DDR Funktionärs Machtmißbrauch, in der Bundesrepublik geäußert, nicht nur das undifferenzierte antikommunistische Klischee vom generell minderwertigen „Phänomen" erhärten? Bieler ist es egal, wem seine Wahrheit nützt. Er will mit „ZAZA" die Wahrheit von den Entartungserscheinungen kommunistischer Herrschaftspraxis als wahre Wertfreiheit, als wertfreie Ware auch denen nicht vorenthalten, für die der Kommunismus von vornherein grundsätzlich nicht das Wahre ist. Ein Großteil der an i der Tübinger Uraufführung beteiligten Schauspieler war der Meinung, Bieler habe es sich damit zu leicht gemacht: sie gaben in einer Resolution zu Protokoll, das Stück sei deplaciert in der Bundesrepublik.
Die Schauspieler wollen, wenn es ihnen sclpn nicht beim Autor gelang, so doch wenigstens das Publikum darauf aufmerksam machen, daß es auch eine Verpflichtung gebe, „Kritik zu üben an der biedermännkchen Schadenfreude, die mit Lustgewinn von mißlungener Praxis a uf d4 n Wert einer nicht dem eigenen vordergründigen Nutzen dienenden Theorie rückschließt". Mit Lustgewinn nahmen sich schließlich denn auch die zahlreich zum Protest erschienenen Linken im Parkett des Autors an: als er zum Verbeugen erschien, buhte es mit für Tübing_er Verhältnisse ungewohnter Phonstärke. Und die anderen Premieren Besucher fühlten sich nicht veranlaßt, dem miümehr als gleichgültigemHöflichkeitsapplaus Paroli zu bieten. Bieler wird sich noch viel Ärger bei den westdeutschen Linken schaffen.
- Datum 12.12.1969 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.12.1969 Nr. 50
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