Haschisch in der Schule (IV) Haschischfreunde

Mit einer Anzeige in der „Times"begann der Umschwung Von RudoH Walter Leonhardt

Wenn, nach den „Feinden" und den „Forschern", zuletzt von den „Freunden" des Haschischs die Rede ist, dann sind damit nicht die Haschischraucher gemeint, sondern: alle Leute, die aus den verschiedensten Gründen zu der Überzeugung gekommen sind, es sei an der Zeit, Haschisch zu entkriminalisieren.

Manche von ihnen rauchen regelmäßig Haschisch, andere haben es noch nie probiert. Manche handeln aus ideologischen Motiven, andere folgen pragmatisch praktischer Vernunft. Die einen wollen nur, daß die Sanktionen der Gesellschaft gegen Haschischraucher eingestellt werden. Andere sind geneigt, da keine Gesellschaft ohne „Lebensbewältigungsdrogen" auszukommen scheint, an Stelle von Schnaps und Tabak und Tabletten Haschisch zu propagieren.

Anzeige

Die einen wollen zwar Haschisch tolerieren, aber Jugendliche durch Sondergesetze schützen. Andere meinen, daß die Bestimmungen zum Schutz Jugendlicher vor Alkohol und Nikotin völlig ausreichen.

Die einen möchten Haschisch gerade deswegen aus der Rauschmittelliste heraushaben, weil sie Rauschmittel im übrigen für außerordentlich gefährlich halten. Anderen ist nicht wohl bei dem Gedanken, die Haschischraucher aus den Gefängnissen herauszuholen, indem sie die Heroinspritzer nur um so tiefer hineinstoßen. Kurz: Die Haschischfreunde sind eine sehr gemischte Gruppe. Es ist nicht schwer, aber auch nicht sehr sinnvoll, die einen gegen die anderen auszuspielen.

Meine eigene Position ist die eines konsequenten philosophischen Liberalismus — eines Pragmatismus, der von Ideologie nicht völlig der mich wie kein zweiter beeinflußt hat, bei Bertrand Russell „Als ethisches Prinzip", schrieb Russell einmal, „kommt, meiner Meinung nach, die Liebe zur Wahrheit oder, wie man es auch nennen könnte, die wissenschaftliche Betrachtungsweise gleich nach der liebevollen Freundlichkeit " Ist „liebevolle Freundlichkeit" richtig? Russell sagt „loving kindness" und meint damit das gleiche, was Camus „In tendresse humaine" nannte. Da ist Aufgeschlossenheit drin und Höflichkeit und Mitleid und die Sensibilität einer dünnen Haut „Liebevolle Freundlichkeit?" Mir fällt kine bessere Übersetzung ein.

„Der wissenschaftliche Betrachter weiß" -so Rüjfi wäteV, iwie schVer; die Wahrheit zu finden, daßes wahrscheinlicn sogar unmöglich ist, die ganze Wahrheit zu finden. Seine Überzeugungen sind ihm nicht unerschütterliche Dogmen. Sie beanspruchen lediglich den nach dem letzten Stande der Wissenschaft höchsten Wahrscheinlichkeitsgrad. Alle meine Überzeugungen wollen immer in diesem Sinne verstanden werden. Es gibt keine Überzeugung, die ich nicht bereit wäre aufzugeben, sobald ihr neue wissenschaftliche Erkenntnisse entgegenstehen. Andererseits jedoch bin ich nicht bereit, irgendeine meiner Überzeugungen zu ändern oder zu unterdrücken, um einer Strafe zu entgehen oder um meine Karriere voranzubringen. Denn nur durch die wissenschaftliche Betrachtungsweise kann, wenn sie sich mit liebevoller Freundlichkeit verbindet, menschliches Leben weniger schmerzhaft und elend gemacht werden, als es von den Anfängen der Geschichte bis heute gewesen ist " Auch Lord Russells Unterschrift hätte gut stehen können unter einer ganzseitigen Anzeige, die am 24. Juli 1967 in der altehrwürdigen englischen „Times" erschien.

Sie war in großen Lettern überschrieben: „Das Gesetz gegen Haschisch ist unmoralisch im Prinzip und funktioniert nicht in der Praxis " Im Text hieß es dann weiter: „ sachverständige medizinische Fachleute unterstützen die Ansicht, daß Haschisch von allen freudenspendenden Drogen die unschädlichste, vor allem weniger schädlich als Alkohol ist. Haschisch macht nicht süchtig, und unter seinem Einfluß ist ;es noch nie zu Störungen der öffentlichen Ordnung gekommen " „Haschischrauchen ist weitverbreitet an den Universitäten und wird inzwischen auch von Schriftstellern, Lehrern, Ärzten, Geschäftsleuten, Musikern, Wissenschaftlern und Priestern praktiziert. Es dürfte schwerfallen, solche Leute als rauschgiftsüchtige Gammler üblichen Stils zu klassifizieren " „Die Hauptrechtfertigung dafür, Haschisch zu! verbieten, war immer die Behauptung : Sein Gebrauch führe weiter zu Heroinsucht. Es gibt jedoch offenbar keinerlei einwandfreie Nachweise für diese Behauptung, im Gegenteil, mehrere ernst Zu nehmende Untersuchungen haben diese Behauptung ausdrücklich zurückgewiesen. Es ist das Häschischverbot und nicht Haschisch selber, was zu Heroinsucht führen kann " „Es ist ein Skandal, daß Ärzte, die Heroin, Kokain, Amphetamine und Barbiturate verschreiben dürfen, Gefängnisstrafen riskieren für Experimente mit Haschisch: mit einer Droge also, die bekanntermaßen weniger schädlich ist als Alkohol oder sogar Nikotin " „Das Haschischverbot hat die Achtung vor dem Gesetz erschüttert und Polizeibeamte, die einem ungerechten Gesetz Geltung verschaffen müssen, in unerträgliche Situationen gebracht " Es werden dann viele illustre Zeugen zitiert — darunter Dr. David Stafford Clark, der Chefarzt für psychologische Medizin am berühmten Londoner Guys Hospital („die relative Harmlosigkeit von Haschisch, verglichen mit Alkohol; ist eine Tatsache"), und Dr. James H. Fox, der Direktor der Abteilung für Rauschgifte im amerikanischen Ernährungsministerium („wir können jetzt wohl sagen, daß Haschisch keine Erbschäden hervorruft, daß es die Gehirnzellen nicht angreift, daß es nicht suchtig macht und nicht zu Heroinkonsum weiterführt").

Service