Krach um die Kohlen

In West-Berlin müssen viele frieren

Von Joachim Nawrocki

Berlin

Die Berliner staunten: solche Kohlenmänner hatten sie noch nie gesehen. Die Kohlenschaufel war fast so groß wie der eine Mann, der die Kohlen schippte. Aber, wo Not am Mann ist, entdeckt der knapp 1,70 Meter große Vorsitzende der Berliner CDU-Fraktion, Heinrich Lummer, die Chance zu neuen Aktivitäten. Zur Unterstütung hatte er seinen Parteifreund Schmitz mitgebracht, der Lummer um zwei Köpfe überragt und fast das doppelte auf die Waage bringt. Lummer, Schmitz und andere CDU-Mannen hatten einigen Berliner Familien geholfen und konnten für ihre Partei einen Publicityerfolg buchen.

Die werbewirksame Idee des ungleichen Paares ließ die SPD nicht ruhen. Auch die roten Genossen wollten sich schwarz machen. Die Parteitelephone klingelten einige hundertmal am Tag, CDU und SPD vergrößerten ihren Fuhrpark, und was der Berliner Kohlenpark nicht schaffte, das gelang der SPD: sie heuerte Arbeitskräfte an. Die Kohlennothilfe der Parteien war ein Erfolg. Nur die FDP, der Muskelmänner und Geld fehlen, vermutete frühzeitige Wahlkampfallüren.

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Wenn die Parlamentarier die Kohle nicht zum Selbstkostenpreis von 5,10 bis 5,30 Mark je Zentner abgegeben hätten, dann hätten sie auch nicht erfahren, wie lukrativ es heute ist, Kohlenhändler zu sein. Der Handel bezieht eine Tonne Kohle für 35 Mark ab Lager, verkaufen darf er sie für 105 Mark. Da bleibt so viel übrig, daß viele Händler es nicht nötig haben, im Sommer genügend Kohle auf ihre Plätze zu schaffen, so daß jetzt, bei Grippe, Kälte und schneeverwehten Straßen, die Belieferung der Haushalte nicht klappte. Da die Wartezeiten an den Berliner Kohlevorratslagern manchen Händlern überdies als unzumutbar lang erschienen, verzichteten sie einfach auf den Einkauf. Manche machten – mitten in der Saison – ihren Laden einfach dicht; andere hatten durchaus genügend Ware, aber es waren zu wenige. Schuld an der Kohlenmisere hat, so sagen die Händler, der Senat.

Wer die Berichte vom Strom- und Kohlenmangel in der DDR studiert und nun etwa geglaubt hatte, so etwas könne es im Westen nicht geben, sah sich enttäuscht. In den Berliner Vorratslagern liegen 700 000 Tonnen Kohle, aber zahlreiche Berliner mußten dennoch frieren. Dem Handel war es angeblich nicht möglich, diese Kohle zu verteilen, obwohl der Senat bereits im Herbst 1968 von diesen Vorräten 200 000 Tonnen freigegeben und den Handel gebeten hatte, diese Kohle auf seine Plätze zu fahren.

Um das zu verstehen, muß man wissen, daß die Kohlenvorräte, die für den Fall einer Abschnürung Berlins vorsorglich angelegt sind, zwar vom Senat bezahlt wurden, aber auf Plätzen von sechs Großhändlern lagern. Ihre „Arbeitsgemeinschaft Kohle“ erhält für die Lagerung je Tonne und Jahr rund vier Mark. Jede Verringerung der Läger, wie sie der Senat beabsichtigt, kostet den Handel bares Geld. Im Sommer die Läger des Einzelhandels aufzufüllen, ist daher angesichts der Subventionen für die Vorratsläger nicht lukrativ. Die Folgen spüren jetzt vor allem die ärmeren Leute, die meist nicht das Geld haben, schon vor Beginn des Winters die Kohlen einzukellern.

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