Der Streit um die Presse
Ahlers, Springer und die Objektivität
Von Marion Gräfin Dönhoff
Es war von vornherein klar, daß auf Mini Maxi folgen werde, und ebenso klar war, daß Springer eines Tages aus der Sündenbockrolle in eine Märtyrersituation befördert werden würde, denn die Menschen sind nun einmal von unbeständiger Art und finden nur im Wechsel Genugtuung. Wirklich unvorhersehbar und darum höchst überraschend ist nur, daß diese Transformation mit Hilfe eines Staatssekretärs der Linkskoalition geschah, der ausgezogen war, um Springer das Gruseln zu lehren.
Conrad Ahlers hat seiner Regierung einen Bärendienst geleistet, den Ruf seines Amtes geschädigt sowie Hohn und Spott über sein altes Metier gebracht: Für jeden ernsthaften Journalisten ist die Leichtfertigkeit, mit der er erst daherschwätzte, der Springer-Presse pauschal Nachrichtenverfälschung vorwarf und sich dann nicht einmal hinterher bemühte, die Beweise für seine Behauptungen zu erbringen, wirklich ärgerlich.
Das wird auch nicht besser dadurch, daß Claus Jacobi, der einst in fröhlichen Spiegel-Tagen mit Ahlers gemeinsam zu jagen pflegte, begütigend meint, daß „alles, was je auch nur einmal durch menschliche Augen, Ohren und Hirne gefiltert wurde, nicht ‚wahr‘ ist“. Um die Springer-Presse zu salvieren, stellt Jacobi kurzerhand fest, alle Zeitungen von Bild bis zur Frankfurter Allgemeinen seien doch gleich: „Mal ist der eine, mal der andere vorn“ – im Manipulieren, versteht sich. Er definiert ganz einfach: subjektiv gleich unwahr – und zieht daraus offenbar den Schluß, da ja niemand wirklich objektiv sein kann, könne jeder daraufloslügen, immer feste druff...
Interessant an dem Lehrstück Regierung und Presse ist es zu sehen, wie in der Politik das Gesetz des Standorts fast einem Naturgesetz gleichkommt: Da hat die SPD jahrelang mit einem gewissen Vergnügen beobachtet, wie die Presse – die ja ihrer Kritik- und Kontrollbefugnis wegen stets mit der Regierung schärfer ins Gericht geht als mit der Opposition – die CDU/CSU aufs Korn genommen hat. Jetzt, da sie selbst regiert, empfindet sie Kritik als Verrat.
Rollentausch






