Von Bernhard Leitner

Der Philosoph Ludwig Wittgenstein baute von 1926 bis 1928 in Wien ein herrschaftliches Wohnhaus. Nicht für sich selbst, sondern für eine seiner Schwestern. Margarethe Stonborough-Wittgenstein wollte mit diesem Bauauftrag ihrem Bruder helfen, die Krise zu überwinden, in der er sich seit dem Ersten Weltkrieg befand. Jahrzehntelang hat sich, wie das in Wien so üblich ist, niemand um dieses Haus gekümmert: Die Kunde von der Bedeutung Wittgensteins ist schließlich noch nicht ganz bis nach Österreich vorgedrungen. Aber jetzt kümmert sich plötzlich jemand: eine Baufirma, die das zentral gelegene Grundstück für die Errichtung einer Hochhaussiedlung gut gebrauchen könnte. Die Verhandlungen laufen bereits, an der Frage der Abbruchkosten werden sie gewiß nicht scheitern.

Zwei Jahre lang beschäftigte sich Wittgenstein ausschließlich mit dieser Aufgabe. Anfangs arbeitete er mit seinem Freund Paul Engelmann, einem Schüler von Adolf Loos, zusammen, nach kurzer Zeit war er alleinverantwortlich.

Der Bau paßt in keine der zahlreichen Architekturtheorien des beginnenden 20. Jahrhunderts. Lediglich das Äußere erinnert in seinen strengen und kubischen Formen an Loos’sche Bauten.

Wittgensteins Bau ist nicht eine Versammlung genialer Ideen, sondern von der räumlichen Konzeption bis hin zum kleinsten Detail eine Konfrontation mit seinem ganzen Ich. Ob es nun die Haupthalle ist oder ein Fensterverschluß: Sie sind gleichen Geistes, gleichwertiges Zeugnis seiner logisch-strengen Denkhaltung. Hier ist nichts übriggeblieben für Geschmacksentscheidungen, nichts ist einer spekulativen Ästhetik überlassen. „Ethik und Ästhetik sind Eins“ (Tractatus logicophilosophicus 6.422).

Der Bau steht inmitten mehrstöckiger Wohnblocks auf dem 3000 Quadratmeter großen Grundstück einer ehemaligen Gärtnerei, durch Aufschüttung einige Meter über Straßenniveau, dem Blick von Passanten weitgehend entzogen. Der Weg vom Gartentor zum Haupteingang des Hauses auf der gegenüberliegenden Seite des Gartens ist eine freie Kurve, ein anschleichendes Umgehen, merkwürdig kontrastierend zu der Direktheit und Strenge des Gebäudes.

Das Haus, ein verputzter Bau, ist dreigeschossig, umfaßt 27 Zimmer, was einer Wohnfläche von 1116 Quadratmetern entspricht. Konstruktion: Stahlbetonsäulen und -unterzüge, tragende Ziegelmauern sowie Betonrippendecken. Raumorganisation: im Erdgeschoß Gesellschaftsräume und Wohnung der Frau, im ersten Obergeschoß Wohnung des Herrn sowie Gästezimmer, im zweiten Obergeschoß Kinder-, Fremden- und Dienerzimmer.