Geknebelte Gerechtigkeit

Mit Gerechtigkeit hat das Urteil von Chicago offenbar weniger zu tun als mit Rache. Und gerächt wurden nicht Taten, die schwere Sühne verlangt hätten, sondern Beleidigungen, Provokationen und Unbotmäßigkeiten, die unter die Rubrik „Ungebühr vor Gericht“ fallen und in jedem Rechtsstaat mit mäßigen Ordnungsstrafen belegt werden. Richter Hoffman in Chicago aber schickte seine sieben Angeklagten und zwei ihrer Anwälte wegen Mißachtung des Gerichts für 25 bis zu 48 Monaten in Haft.

Der Prozeß, in dem die sogenannten Rädelsführer der Unruhen von 1968 vor Gericht standen, hat in Amerika die Gemüter bewegt. Schon jene August-Ereignisse, die sich um den Parteitag der Demokraten rankten, brachten die liberale Öffentlichkeit auf den Plan. Präsidentschaftskandidat McCarthy sprach damals von Gestapo-Methoden, mit denen die Polizei gegen demonstrierende Hippies und Black Panthers vorgegangen war. Die Rechte dagegen, eingeschworen auf Law and Order, hatte damals wie heute allen Grund zum Jubel. Denn nicht anders als die Polizei hat Richter Hoffman mit Brachialgewalt versucht, die Ordnung wiederherzustellen.

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Weil dieser 74jährige Richter sich das Bild vom heilen Amerika nicht verderben lassen wollte, wird nun ein anderes Bild haften bleiben: der Angeklagte, den er im Gerichtssaal knebeln und fesseln ließ. Wie gern hätte wohl Daumier in Chicago seinen Griffel gezückt... v. K.

 
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