Spaß im Badezimmer? Ach, nichts als Pflicht!

Der Trend scheint außerordentlich positiv zu sein: Wassersport wird ständig beliebter und attraktiver; der Snob, dessen Exklusivitätsdrang nicht mehr mit Sportwagen ndSafari zu befriedigen ist, weil „die breite Masse" das Reservat gestürmt hat, baut sich den privaten Swimmingpool; Mädchen im Bikini werben für Illustrierte, bade das und dies locken mit goldener Wanne. Somit könnten wir uns, in historischer Assoziation, als auf dem Gipfel befindlich betrachten, denn: Die Bedeutung, die dem Waschen und Baden innerhalb einer Kultur eingeräumt wird und wurde, läßt ja Rückschlüsse auf den Stand dieser Kultur und ihre Haltung zur menschlichen Erholung zu; individuelles Wohlbefinden und persönliche Hygiene wurden in kulturellen Blütezeiten stets zum unentbehrlichen Teil des gesellschaftlichen Lebens.

Allerdings wurde zu den Hoch Zeiten auch die öffentliche Vorsorge den Badebedürfnissen gerecht. Wer in unseren Breiten über die räumBchen oder finanziellen Mittel für den eigenen Schwimming pool nicht verfügt, ist angewiesen auf sein Badezimmer. Und da erweist sich dieses Prunkstück unserer Zivilisation als übelste Manipulation und finsterstes Ante Christum Natum. Warum Manipulation? In einer Wohnung sind Zweck und Funktion der Räume allein dadurch festgelegt, daß der, der sie baut, das Bad an eindeutiger Stelle fixiert, Fliesenraster inklusive, sowie Art und Aufstellung der Sanitärobjekte unabänderlich eingeplant hat. Die Sanitärzelle, dieses Requisit bürgerlicher Gesellschaftsfähigkeit, zeichnet sich so aus: kleinster Raum, langrechteckig (denn die Grundrißmaße sind abgeleitet aus Türaufschlag plus „Zum RechteckErgänzung der Objekt Umschließung"), ausgestattet mit hochliegendem Fensterchen, Stolperschwelle und Türriegel. Dank des minimalen Bewegungsraumes endet die „familiäre Intimität" vor der Badezimmertür.

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Privatheit im Bad ist im übrigen eine Frage des Auslandes, der Moral, das heißt, der aus dem Puritanismus tradierten Körperfeindlichkeit. Damit bestimmt das Bad weiterhin das Familienleben: Der Badezimmer Fahrplan und das Betroffenen Ritual mit seinen Gesetzmäßigkeiten darf ungestraft nicht übertreten werden. Die Klausurzelle Bad erlaubt weder lange Sitzungen noch — wegen der zeitlich gestaffelten Einzelprozeduren — ein gemeinsames Frühstück danach; es ist vielmehr Studienobjekt für Phänomene der Klaustrophobie, der Kerkerangst, und prädestinierter Selbstmordort.

Und warum Ante Christum Natum? Die Form der Wanne, die man im Palast von Knossos auf Kreta fanä, unterscheidet sich für ein ungeübtes Auge schwer von der unsrigen. Selbst die Form von Behältern, aus denen man das Wasser, das sich darin gesammelt hat, schöpfte, blieb unverändert, obwohl das Wasser heute aus der Wand spritzte.

Die Formen also änderten sich nicht, denn Althergebrachtes ist immer erst einmal ehrwürdig, durch Tradition und Mythos geadelt, und Santitäres befindet sich immer (noch) aul der Schwelle zum Unaussprechlichen. Will sagen wer nackt ist, ist seiner Masken, Statussyrrbole, Schützhüllen „entblößt" und preisgegeben". Und dann gelten bestimmte Körperteile immer noch als unanständig, wenigstens häßlich. Man assoziiert: Was unten ist, ist pfui. Und beim Vergleich mit der technischen Beschaffenheit unserer keineswegs auf dem letzten Stand der Entwicklung stehenden Küchen zeigt sich: Das Badezimmer ist noch einmal um vierzig Jahre veraltet.

Waschen und Baden dienen im allgemeinen Verständnis lediglich der Säuberung, sind also gesellschaftliche Pflichtübungen, sind Zivilisationsnachweis. Andere Funktionen waren: das eigene Wohlbefinden oder ganz einfach: Vergnügen, Unterhaltung, Lust, Lust am Baden, Lust beim Baden. Warum „darf" man zwar dem Traum seiner Sitzgruppe durch alle Kataloge und Kaufhäuser nachjagen, gar finden und erwerben, hingegen nicht dem Traum der iWanne, weil es sinnlos wäre, denn sie ist nun einmal so und steht schon da?

Grundsätzlich: das Badezimmer gehört zur Wohnung, kann also Wohnraum, somit „wohnlich" sein, kann Sicherheit, Bequemlichkeit, Komfort, Gefallen, Wohlgefühl bieten, kurz: Aufenthaltsraum mit Wasserzufuhr sein. Oder es kann ein dem feuchten Element gewidmeter autarker Bereich ein, Fiuidalraum, Untensrasserwelt. Die gängige Vorstellung vom Bad, dem sterilen, tabuierten Fliesengehäuse mit aneinandergereihten Schmutzwasserbehältern sollte endlich überwunden werden. Der Benutzer sollte die Freiheit der Auswahl erhalten!

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