Zumindest ein Teil jener Studenten, die noch vor einem Jahr ihren Lehrer Theodor W. Adorno befehdeten, weil er sich von manchen Praktiken der neuen Linken distanzierte, scheint nun, nach Adornos Tod, größten Wert darauf zu legen, daß zum möglichen Nachfolger ein kompromißloser Anhänger der von Horkheimer und Adorno begründeten „Frankfurter Schule“ berufen wird. Aus dem direkten Schülerkreise kämen dafür Oskar Negt, Alfred Schmidt, Hermann Schweppenhäuser und Karl-Heinz Haag in Frage, und vor allem Oskar Negt dürfte der Unterstützung durch die Fachschaften der Soziologen und Philosophen sicher sein, wenn er eine Chance hätte. Aber weder er noch einer der drei anderen „Adorniten“ ist so recht als Nachfolger eines Mannes vorstellbar, der mit seiner Kritischen Theorie Sachverhalte nicht nur der Philosophie und Soziologie, sondern auch der Musik, Literatur und Bildenden Kunst zu analysieren vermochte.

Einen direkten Nachfolger Adornos werde es nicht geben, sagte Oskar Negt schon vor Wochen in einem Fernsehinterview. Diese Auffassung hat sich inzwischen ebenso in der philosophischen Fakultät wie im Wiesbadener Kultusministerium durchgesetzt. Adornos persönliches Ordinariat, das gleichermaßen für Philosophie wie Soziologie galt, wird durch zwei getrennte Lehrstühle ersetzt werden. Für das philosophische Ordinariat möchte die Fakultät den zur Zeit in Berkeley (Kalifornien) lehrenden polnischen Philosophen Leszek Kolakowski vorschlagen, als Soziologe steht der Schelsky-Schüler Horst Baier aus Münster zur engeren Wahl. Beide Empfehlungen dürften nicht ohne das ausdrückliche Votum von Jürgen Habermas, der seit Horkheimers Emeritierung dessen Lehrstuhl innehat, zustande gekommen sein. Gegen beide Kandidaten haben aber die Fachschaften Einwände erhoben.

Skepsis gegenüber einem Schelsky-Schüler scheint verständlich. Denn Schelskys Forschungen gelten als systemimmanent, halten das System als solches für nicht änderbar: jedenfalls nicht änderbar mit Mitteln der Soziologie und der philosophischen Aufklärung. Demgegenüber treten alle Anhänger der „Frankfurter Schule“ dafür ein, daß das gesellschaftliche System prinzipiell änderbar ist. Die Kritische Theorie ist deshalb jeder Soziologie und Philosophie entgegengesetzt, welche die bestehenden Verhältnisse als unwiderrufbare sanktioniert.

Horst Baier wurde daher schon im Februar von der Fachschaft Soziologie zu einem Hearing aufgefordert, dem er sich unterwarf. Die Prozedur war ungewöhnlich, weil Baier bis heute keinen Ruf erhalten hat. So konnte er teilweise nur im Konjunktiv erläutern, welche Standpunkte er zu vertreten gedächte, falls es überhaupt zu Verhandlungen zwischen ihm und dem Kultusministerium kommen werde. Dennoch hat Baier das mehrstündige Verhör nicht als kränkend empfunden. Es ist sein fester Vorsatz, einer eventuellen Berufung nicht zu folgen, wenn diese gegen den Willen der Fachschaft ausgesprochen würde. Diese Einstellung verrät nicht nur eine gewisse Kenntnis der Schwierigkeiten am Frankfurter Institut für Sozialforschung, sondern weist Baier als einen Mann aus, der dafür ist, auch Berufungsvorgänge an unseren Universitäten künftig durchsichtiger zu machen. Im übrigen qualifizierte sich Baier in der mehrstündigen Diskussion als ein Hochschullehrer, der zwar aus einer ganz anderen wissenschaftlichen Tradition kommt, sich aber dem Anspruch der Kritischen Theorie durchaus zu stellen weiß. Er rühmt heute die Fairneß und das hohe Niveau des Hearings, an dem auch Oskar Negt und der inzwischen tödlich verunglückte Hans-Jürgen Krahl teilnahmen. Und obwohl Baier sich konsequent weigerte, im vorhinein Essentials zu akzeptieren, kam ein Mehrheitsbeschluß der Fachschaft zustande, daß man sich seiner etwaigen Berufung nicht widersetzen werde.

Freilich scheint das Demokratieverständnis von Fachschaften in Frankfurt wie anderswo noch nicht so weit entwickelt, daß Mehrheitsbeschlüsse auch immer respektiert werden. Wenn Baier auch Gnade vor den Vertretern des SDS gefunden haben dürfte, so scheinen andere, ultralinke Gruppen weiter gegen ihn zu opponieren.

Assistenten und Studenten der Fachschaft Philosophie an der Frankfurter Universität haben ihrerseits in einem Offenen Brief an Kolakowski betont, daß dessen aus der „Ideologie persönlicher Freiheit“ sich rekrutierendes Philosophieren mit den Arbeiten der Adorno-Schüler Negt, Schmidt, Schweppenhäuser und Haag schwer vereinbar sei.

War das Hearing, dem Baier sich stellte, ungewöhnlich, so muß der Brief an Kolakowski geschmacklos, wenigstens aber befremdlich scheinen. Denn hier wird einem Mann, der ebenso wie Baier noch nicht einmal offiziell zu Verhandlungen eingeladen ist, auf bloßen Verdacht hin der Kampf angesagt. Der antiautoritäre Marxist Kolakowski, dessen Werke vom Widerstand gegen die stalinistische Knechtung zeugen, wird von den antiautoritären Studenten abgelehnt, weil seine Konzeption keinen Ansatz für die Kritik an der Arbeitsteilung zwischen Philosophie und Wissenschaft biete und damit die Einheit der emanzipatorischen Vernunft aufgebe.